Inside Germania

Anmerkung: Dieser Artikel hat uns sehr beschäftigt. Sollte man überhaupt über eine Organisation wie die Germania schreiben? Darf man „denen“ eine Plattform bieten? Wir haben entschieden: Ja. Wir wollen uns mit einem Thema auseinandersetzen, das unsere Stadt in die internationalen Schlagzeilen gebracht hat. Und wir wollen wissen, was junge Neustädter motiviert, sich einer schlagenden Burschenschaft mit extrem rechtem Ruf anzuschließen. Wir haben nicht viele Antworten bekommen, aber viel erfahren – im Anschluss des Artikels findet ihr einen Kommentar der Autorin, den ihr unbedingt auch lesen solltet. Wir freuen uns auf Feedback! ~die Redaktion

 

INSIDE GERMANIA

Nachgefragt | Durch die „Liederbuchaffäre“ geriet die Wiener Neustädter Burschenschaft „Germania“ anfang des Jahres in die Schlagzeilen. Unsere Redakteurin Johanna wollten daher wissen, warum sich hier junge Menschen engagieren, was sie überhaupt so machen und wie sie ihr rechtes Image erklären. Hier ihr Bericht über ihre Begegnung im Rabenturm.

An einem verregneten Spätnachmittag waren wir im Rabenturm, der „Bude“ der Burschenschaft Germania zu Wiener Neustadt. Unterhalten haben wir uns bei einem Glas Leitungswasser mit Mitglied Felix (17) und Obmann Dieter Derntl (58), der deutlich öfter geantwortet hat.

Tradition und Demokratie

Die Germania selbst sieht sich als Verein oder eine Studentenverbindung mit traditionellem Hintergrund. Wie man an der Bezeichnung erahnen kann, dürfen nur Burschen dem Verein beitreten. Eine pennale Burschenschaft, wie die Germania, macht es sich zur Aufgabe, junge Männer und deren Persönlichkeit in ihrem Sinne weiterzubilden. Der Grundgedanke ist laut Obmann Dieter Derntl seit der Burschenschafts-Gründung im Wesentlichen derselbe: „Jungen Burschen beizubringen, was es aus unserer Sicht heißt, ein guter Demokrat zu sein.“
Dafür trifft man sich zweimal pro Woche, erzählt uns Felix, Schüler des BRG Gröhrmühlgasse. Seit 2 Jahren ist der junge Wiener Neustädter (seinen Nachnamen wollte er nicht in der Zeitung stehen haben) bei der Germania. Er ist über Freunde seines Bruders dazu gekommen. „Neben Sport und Geschichtsbildung sitzen wir einfach zusammen wie normale Jugendliche. (…) Wir schauen eben auch, dass die Leut‘ was mitnehmen. Es ist in unserer Zeit oft so, dass man unfokussiert ist und alles in den Medien glaubt – da sprechen wir uns schon dagegen aus.“

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Obmann Dieter Derntl und Jung-Bursch Felix

Der Wahlspruch der Burschenschaft „Ehre, Freiheit, Vaterland“ wird uns von Herrn Derntl so übersetzt: Anständigkeit, Unabhängigkeit und Gemeinschaft. Aus einem Burschen soll also, sagt Herr Derntl, ein anständiger, unabhängiger Demokrat werden, der gut eingegliedert in einer Gemeinschaft seine eigene Meinung vertritt und dazu steht. Dass zu einem guten Demokraten auch dazu gehört, die Meinung anderer in der Burschenschaft zu respektieren, sagt Herrn Derntl auch. Ob das auch für Menschen außerhalb der Burschenschaft, mit einer ganz anderen Weltanschauung gilt?
Der Name Germania, der Spruch „Deutsch und treu, in Not und Tod“ und die Farben des Wappens legen den Verdacht nahe, dass der Verein deutschnational ist.

Deutschnational?

Derntl nennt uns verschiedene Gründe, warum das nicht so sei. Einerseits sei es zur Zeit der Burschenschafts-Gründung normal gewesen, sich als deutsch zu bezeichnen. Andererseits ist für ihn, das sagt er ganz offen, die Tradition des „Deutschseins“ nicht an eine Staatsgrenze gebunden. Was mit dem „Deutschsein“ eigentlich gemeint sei, sind laut Derntl die Tugenden, die diesem „Deutschsein” in gewissen Kreisen zugeschrieben werden. Dazu gehören ganz klischeehaft Gewissenhaftigkeit, Ehrlichkeit und Fleiß.
Herr Derntl erklärt uns auch, dass er sich durchaus als Deutscher identifiziert, da sich mit der gemeinsamen Sprache und Kultur noch eine weitere Ebene zwischen Österreich und der EU öffnet – und zwar: Deutsch.

Die anderen Menschen

Natürlich haben wir auch gefragt, warum keine Mädels dabei sein dürfen. Aber ganz ehrlich: Wir wissen die Antwort noch immer nicht wirklich. Es wurden uns viele Begründungen dargelegt: Die Verteidigung unseres Landes im Notfall, das Fechten mit nacktem Oberkörper und störende „heterosexuelle Beziehungen”. Derntl spricht auch die geistige Verteidigung an und sagt „Demokratie lebt davon, dass es möglichst viele unterschiedliche Meinungen gibt.“ Wäre es dann wohl nicht auch sinnvoll, sich die Meinungen von Frauen anzuhören?

Die Germania ist übrigens eine „schlagende“ Burschenschaft: Man muss seinen Mut beim Fechten unter Beweis stellen: Auf die Frage, ob das Fechten mit nacktem Oberkörper passieren muss, antwortete Herr Derntl: „Wenn zu einer Mutprobe kein Mut gehört, dann ist es keine Mutprobe mehr. Wenn ich nicht riskiere, dass ich zumindest mit einem stumpfen Säbel was abkriege, dann ist es sinnlos.“

Das Liederbuch

Das Liederbuch, das im Jänner dieses Jahres für viel Aufsehen während der niederösterreichischen Landtagswahlen sorgte, kam von der Burschenschaft Germania. Der damalige Spitzenkandidat der FPÖ, Udo Landbauer, war bis dahin auch Mitglied. Grund für die Aufregung waren antisemitische Texte im Buch, dessen letzte Auflage 1997 gedruckt wurde. Aktuell wird wegen des Buches nicht weiter ermittelt, da, so Derntl, „sogar das Amt für Landesverfassungsschutz sich dazu bequemt hat, uns zu glauben, dass wir dieses Lied nicht singen.“ Warum diese Texte aber überhaupt da drin stehen? Das sei beim Zusammenstellen der Inhalte passiert, aus anderen Quellen einfach übernommen worden.

Das gemeinsame Schwärzen der betreffenden Textstellen mit Edding stellen wir uns jedenfalls als kameradschaftlich wertvolle Übung im Rabenturm vor.

GERMANIA FACTS

  • Die schlagende Burschenschaft Germania zu Wiener Neustadt wurde 1917 gegründet und zählt aktuell rund 50 Mitglieder.
  • Es gibt aktive und inaktive Mitglieder. Die Activitas leiten den Betrieb.
  • Aufgenommen werden nur jene, die der Gruppe einen „Mehrwert” bringen und ganz einfach dazu passen. Außerdem muss man Oberstufenschüler sein.
  • Wird man aufgenommen, ist man erstmal Fuchs. Nach der Fuchsen-Zeit wird man zum Burschen. Dazwischen gibt es Prüfungen.
  • Link: www.pbgermania.at

Einen interessanten Kommentar von Armin Wolf mit vielen weiteren Verweisen und Links zum Thema „Burschenschaften“ findet ihr hier.

 

Kommentar der Redaktion:

Das Interview mit der Germania ist jetzt eine Zeit lang her. Genug Zeit, um wirklich viel darüber nachzudenken. Deshalb wollen wir euch kurz erzählen, wie es uns beim Making-Of gegangen. Dabei geht es nicht um die Burschenschaft, sondern darum, was wir dabei bemerkt haben.

Das Gespräch begann mit einem aufklärenden Monolog von Herrn Derntl. Er sagte, dass er quasi eh wisse, welche Absichten die meisten Journalisten haben. Er hat mich gebeten, das Interview von ihm freigeben zu lassen. („nachdem, was wir erlebt haben…“)

Die ersten Fragen hat Felix beantwortet. Es ging um seine Erfahrung mit der Burschenschaft. Dann: die politischen Fragen – alle beantwortet von Herrn Derntl. Es war ungefähr so, wie man es aus TV-Duellen mit Politiker*innen kennt.
Die Antworten waren rhetorisch immer gut formuliert. Er bewies eine umfangreiche Geschichtsbildung und baute lateinische Zitate ins Gespräch ein. Es soll ja alles intellektuell wirken. Trotzdem wurden die Fragen von ihm sehr oft belächelt – aber okay, als junge Frau, die für ein lokales Jugendmagazin schreibt, erwartet man eh nicht ernst genommen zu werden. (Es ist traurig, aber die Wahrheit.)

Die Erklärungen enthielten keinen Hauch von Fremdenhass. Dass sie aufgrund ihres Namens in der Öffentlichkeit als deutschnational gesehen werden, das sei das Missverständnis schlechthin, sagt Derntl. Der, der sich im gleichen Atemzug als Deutscher identifiziert.

Im Gespräch merkt man, dass die Ansichten, die vertreten werden, ganz einfach so übersetzt sind, dass sie irgendwie einleuchtend klingen. Und genau das ist der Punkt: Rechtspopulismus wird so wieder salonfähig gemacht. Das habe ich selbst gemerkt, als es mir nicht einmal schwerfiel, die Erklärungen von Herrn Derntl nachzuvollziehen. Im Augenblick.

Da geht es jetzt nicht mehr um die kleine Burschenschaft in Wiener Neustadt: Reflektiert man, dann merkt man, welche Wirkung unsere Worte haben. Diese Wirkung wird gerade im großen Stil ausgenutzt. Und weil auch ich, wie Christian Kern vor kurzem in seiner Abschiedsrede gesagt hat, so ein „verdammter Gutmensch“ bin, würde es mich freuen, wenn wir wieder sensibler mit diesen Themen umgehen und vor allem reflektieren. Denn auch schöngeredeter Fremdenhass darf in unserer Gesellschaft keinen Platz haben. Auch nicht in Form von geschwärzten Zeilen in einem Liederbuch.

Es würde mich übrigens freuen, eure Meinungen zu hören.

Johanna

 

 

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