Ein Thema, zwei Meinungen: Körperbehaarung bei Frauen

Die Stigmatisierung weiblicher Körperbehaarung findet nicht erst seit Kurzem statt. Bewusst aufbegehrende Werbungen wie jene, die von Nike Ende April veröffentlicht wurde, entfachen die Debatte erneut. Wann und warum dieses Ideal aufgekommen ist und wie wir es wieder loswerden, frage sich Klette-Autorin Iris schon geraume Zeit.

jakob1[4388]Jakob, 23: Ich finde, es ist an der Zeit, dass wir uns alle beim Thema Körperbehaarung ein bisschen entspannen, vor allem bei den Erwartungen, die viele Männer diesbezüglich noch immer an Frauen haben. Für viele meiner Freunde ist es immer noch ein No-Go, wenn sich eine Frau nicht die Achseln, die Beine oder den Intimbereich rasiert, während sie bei sich selbst aber viel weniger streng sind. Wenn ich ihnen dann darauf sage, dass mir das eigentlich relativ egal ist, solange es halt nicht komplett ungepflegt ausschaut (ein Mindestmaß an Körperpflege sollten ja alle an den Tag legen), sind sie meist leicht angewidert und fragen mich, wie ich das nicht eklig finden kann. Ich frage sie dann einfach zurück, warum sie Körperbehaarung denn eigentlich so eklig finden, immerhin hat jeder Mensch Haare am Körper. Behaart zu sein ist einfach normal und dieses Ideal sich möglichst viel abzurasieren existiert ja auch erst seit ein paar Jahrzehnten. Sobald sie dann einmal die Erfahrung machen, eine nicht komplett glatt rasierte Frau zu treffen, ändern viele auch ihre Meinung und sagen, dass es „eigentlich eh nicht so schlimm“ ist. Hinterfragt vielleicht mal eure Männlichkeit, wenn es für euch so eine Katastrophe ist, die natürliche Behaarung von Frauen sehen zu müssen, anstatt auf Frauen noch mehr Druck zu vermeintlicher Schönheit auszuüben. Klar, viele Frauen wollen sich wahrscheinlich selbst aus ästhetischen oder hygienischen Gründen rasieren und wenn es für jemanden in einer Beziehung wirklich ein großer Wunsch ist, dass die andere Person sich glatt rasiert, sollte man auf jeden Fall darüber reden können, aber diese Normierung des glattrasierten weiblichen Körpers (die in eingeschränktem Ausmaß auch männliche Körper betrifft) gehört einfach weg.

 


mariaMaria, 21: Ich finde es amüsant, dass jetzt wieder der Trend zur freien Körperbehaarung boomt und als neue Revolution dargestellt wird. Frauen sollten zu ihrer Körperbehaarung, in all ihren Zonen stehen und sich stundenlanges Rasieren sparen. Und das nicht erst seit 2019. Während einer zweiwöchigen Reise durch Marokko, habe ich komplett auf die Rasur verzichtet. Zunächst war das auch ein bisschen ungewohnt, aber spätestens nach dem vierten Tag so normal wie atmen. In meinen Augen wäre das der Idealfall, aber kaum zuhause angekommen, ging der Enthaarungsmarathon weiter, da ich mich wieder an mein Umfeld angepasst habe. Um den Schritt der kompletten Rasierabstinenz zu wagen, werde ich sicher noch ein wenig brauchen, da ich mich in meinem Umfeld komplett unrasiert, noch nicht zu einhundert Prozent wohlfühle. Mein Ziel wäre jedoch, dem gesellschaftlichen Schönheitsideal die Stirn zu bieten und mich erst, wenn ich das Bedürfnis dazu habe, zu rasieren. Meiner Meinung nach, braucht man ein gutes Selbstbewusstsein, um dem Drang zur Anpassung wiederstehen zu können. Was noch schwerer wird, wenn man möglicherweise als eigenartig oder sogar ungepflegt bezeichnet wird. Dank normativen Schemata täglicher Rasur und anderen Prozeduren, versucht man einem Schönheitsideal zu entsprechen oder auch eine Zugehörigkeit in der Gesellschaft zu finden. Hoffentlich legen wir bald unsere Gewohnheit ab und sagen „Ja“ zum Haar und „Nein“ zur Klinge. Es lebe der Haarwuchs!

Text: Iris Strasser

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