„Wunderkind war ich keines“

Ein Leben als Künstler: Wie Gotthard Fellerer (75) in Wiener Neustadt wurde, was er ist.

Künstler-Porträt | Von der Geburt in einem Luftschutzkeller in Baden über die Flucht mit der Mutter aus Ostdeutschland bis zu seinem Leben als Künstler, Kunstprofessor, Musiker und Autor. Gotthard Fellerer erzählt uns von einem Wiener Neustadt, in einer Zeit in der Watschen noch zum Unterricht gehörten und man im Föhrenwald Bockerl zum Heizen sammelte.

~Celina

In Wiener Neustadt ist das Wort Kunst untrennbar mit dem Namen Gotthard Fellerer verbunden, der die Kunstszene unserer Stadt, der Region und auch weit darüber hinaus wie kein anderer verkörpert“, so die Worte des Wiener Neustädter Bürgermeisters Klaus Schneeberger anlässlich des 75. Geburtstags von Gotthard Fellerer. Wir wollten aber noch mehr wissen. Wie war es in Neustadt aufzuwachsen? Wie wurde Gotthard Fellerer Künstler und wo kommt er eigentlich her? All das hat er uns bei einem Interview gerne erzählt:

Gotthard Fellerer (links) mit dem Poeten Rainer Pichler und dem Maler Franz Ringel 1970 im legendären Künstlercafe „Hawelka“ in Wien.

„Ich bin in Baden im Luftschutzkeller zur Welt gekommen und lebe seit meiner Kindheit hauptsächlich in Wiener Neustadt. Als Wiener Neustadt einem mörderischen Bombenhagel der Alliierten ausgeliefert war, der die Stadt in Schutt und Asche legte, verbrachte mein leiblicher Vater meine Mutter und mich nach Sachsen-Anhalt.
Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches wurde dieser Landstrich gemeinsam mit anderen zu „Ostdeutschland“ und wir durften das Land nicht mehr verlassen. Ich war deutscher Staatsbürger und meine Mutter Österreicherin.

Flucht aus Ostdeutschland nach Wiener Neustadt

Mein Vater ist im Krieg gefallen und sie lebte mit mir in einer fremden Umgebung, bei meinen deutschen Großeltern. So flüchtete sie nach drei Jahren Zwangsaufenthalt mit mir zu ihren Eltern nach Wiener Neustadt. 1948, ein Jahr nach ihrer Rückkehr lernte sie einen Mann kennen, der auch mich mochte, den ich immer „Vati“ nannte, und sie heirateten. Hier besuchte ich im Kriegsspital, der heutigen Döttelbachsiedlung, den Kindergarten, die Jubiläumsschule am Baumkirchnerring und die Latein-Realschule (Heute: BRG Gröhrmühlgasse). Dort erlitt ich einige Lehrpersonen, die in der Unterstufe ihren Unterricht durch Schreien, Niedermachen, Watschen, Eckenstehen und Püffen garnierten. So mussten wir zum Beispiel einen Mitschüler der ersten Klasse, nach einer Ohrfeige, mit ausgerenkter Kinnlade zur Rettung bringen. Der Lehrer trug uns auf, dass wir sagen müssten, dass der arme Bub gestürzt sei. Meiner Mutter ist es zu verdanken, dass ich an dieser Schule blieb und auch dort die Matura bestand. Diese Schule betrat ich nach meiner Matura nur noch dienstlich.

Wie kamst du zur Kunst?
Mein leiblicher Vater war Deutscher, stammte aus Sachsen Anhalt, dichtete, musizierte, malte und zeichnete – insbesonders Karikaturen. Meine Großmutter erzählte oft von ihm. Er wurde seinerzeit, wie alle, zu einem unseligen Krieg einberufen, und sandte meiner Mutter eine Unmenge von Feldpostkarten, die mit seinen Karikaturen originell gestaltet waren. Leider wurden dies Karte alle, bis auf eine, von meiner Mutter vernichtet. Mir widmete er sogar ein Buch mit dem Titel „Sommerfreuden“, das sich noch in meinem Besitz sich befindet. Knapp nach meiner Geburt, im März 1945 wurde er an der Ostfront, wo er als „Leichtverletzter“ zu dienen hatte, von sowjetischen Panzern zermalmt und starb.

„Ich kritzelte in alle meine Hefte“

Mein Stiefvater war ungemein fleißig, war Techniker, und konnte mit all dem, was mit Kunst zusammenhing wenig anfangen. Schon als kleiner Bub zeichnete ich immer. Doch Wunderkind war ich keines. Eher umgekehrt. Zum Leidwesen meiner Mutter bekritzelte ich alle meine Hefte, keines

wurde verschont, verzierte meine teuren Schulbücher, die wir ja kaufen, bzw. tauschen mussten, und hatte, da man damals ein besonderes Augenmerk auf eine ordentliche Heftführung legte, deshalb oft Probleme. Meine „Kunst“ blieb unerkannt. Nur mein Geschichtelehrer, der auch Zeichnen unterrichtete, meinte, dass ich wahrscheinlich die Pyramiden in Ägypten nochmals ausgraben werde – so begeisterte mich die Historie Ägyptens. Sie begeistert mich auch heute noch.

Foto von Früher: Im Kindergarten 1950 (vorne rechts liegend)

„Ich dagegen pflegte den
Eigensinn“

Einer meiner Mitschüler, der eine Parallelklasse besuchte, war ebenso wie ich ein begeisterter Zeichner, wurde von seiner Mutter gefördert und studierte schließlich an der Hochschule für angewandte Kunst. Ich dagegen pflegte den Eigensinn, hatte ständig irgendwelche Ideen, die ich zu verwirklichen trachtete, machte mit Banjo, einem Wecker und Rasseln Musik, zeichnete, forderte mich durch Mutproben selbst heraus und ordnete mich nie unter, sondern immer ein. Das verstanden viele nicht.
Ich las viel – unter der Bettdecke, unter dem Bett und im Geheimen. Nach meinem Militärdienst, der mir Verantwortung zuerkannte, studierte ich Architektur und begegnete Persönlichkeiten, die mich stark prägten. So wollte mich Professor Köpf, der an der TU Baukunst unterrichtete, in sein Team holen, bei Dr. Günter Feuerstein, der ebenso, wie ich, in Alternativen dachte, lernte ich am meisten und Kunstgeschichte gehörte zu meinem Lieblingsfach, sodass mein Lehrer Prof. Walter Frodl mich bei den Prüfungen (es gab drei) immer wieder fragte, woher ich denn so vieles, vor allem Zeitgenössisches, wisse, und das Zeichnen und Malen wurde für mich zur Notwendigkeit, sodass ich aus Freude auch Programme für einen meiner Studienkollegen zeichnete.

Daneben gab ich Nachhilfeunterricht, vor allem in Darstellender Geometrie, studierte, schrieb, zeichnete, malte und musizierte. Sodass ich einerseits ein Förderstipendium des damaligen BMfUK erhielt und ich gemeinsam mit zwei Studienkollegen mit dem Förderpreis der Stadt Wiener Neustadt für die Bauaufnahme der Vorstadtkirche samt dem ehemaligen Jesuitenkolleg ausgezeichnet wurde.
Durch mein Banjo- und Harpspiel, meine Geigenkünste und meine Unvoreingenommenheit und Angstfreiheit vor anderen Instrumenten, die nach einigem Üben eigentlich immer mich spielten, wurde ich durch Herbert Janata zu der damals prominentesten Folk- und Bluesband, der „Worried Men Skiffle Group“ geholt, und konnte so mein Studiensalär aufbessern und mir Bücher kaufen. Ich war gut unterwegs und wurde zu einem Teil der Wiener Avantgarde. Damals lernte ich auch meine spätere Frau Gertrude kennen, die zwei wunderbare und gescheite Töchter gebar. In der Zwischenzeit bin ich bereits fünffacher Großvater.

Wie hast du das alles geschafft?
Es ist manchmal schwierig, nach seiner eigenen Nomenklatur zu leben, denn allzugerne behindern Unverständige ein Tun, das sie aufgrund ihres Unwissens nicht verstehen und sie verstehen es nicht, dass ich immer 150 Prozent gebe oder es ganz sein lasse. Dies bedeutet aber lebenslanges Arbeiten Lernen und all dies muss man mit Disziplin, dem Willen zum Werk verquicken. Das habe ich immer gemacht: Stehe um 6 Uhr auf, gehe meist erst um 0 Uhr schlafen, trinke kaum Alkohol, gehe kurzlebigem, zeitgeistigem Schmarrn aus dem Weg, lebe ein arbeitsintensives, kontemplatives Leben, esse fast nur Vegetarisches, nehme auf alle Lebewesen Rücksicht und lasse ihnen den Vortritt.

Gotthard Fellerer in „seiner“ Stadtgalerie

Deine schönste Jugenderinnerung in Wiener Neustadt?
Zum einen sind es die Ausflüge nach Bad Fischau, wobei wir auf dem alten Motorrades des Bruders meiner Mutter zu dritt ins „Bad“ fuhren. Mein Vater lenkte die alte „Adler“, ich saß auf dem Tank und meine Mutter mit dem Korb auf dem Sozius. Zum anderen sind es die Ausflüge in den Föhrenwald gewesen, wenn meine Mutter, mein Vater und ich trockenes Unterholz und Bockerln zum Unterzünden für die kalten Jahreszeit sammelten. Damals gab es noch keine Zentralheizung und deswegen erbeuteten wir bei jedem Ausflug zwei große Säcke voller Bockerlzapfen und dazwischen spielte ich mit meinem Vater, der ein begeisterter Kicker war, Fußball. Gemeinsam besuchten wir auch, ich glaube es war Sonntag, jedes Fußballspiel auf dem „Herbstplatz“ der sich bei der Neunkirchnerstraße befand und an Samstagen kleideten wir uns besonders sorgfältig, da wir zum „Schaufensterbummel“ in die „Stadt“ gingen. Gemeint war „Auslagenschauen“, um Dinge zu entdecken, die wir uns nicht leisten konnten.
Um die Neustädter wieder zum „Auslagenschauen“ zu animieren, habe ich mit Unterstützung der Stadtgemeinde, auf Betreiben von Bürgermeister Klaus Schneeberger die Stadtgalerie in der Herzog Leopold Straße gegründet.“

FACTS

Name:
Gotthard Fellerer

Berufung:
Künstler

Alter: 75

Wohnort:
Wiener Neustadt

Webseite:
http://gotthardfellerer.at

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