„Die Mutti war froh, dass ich an der frischen Luft war“

Autorin: Marie

Sissy Bollenberger, Olympiasiegerin von 1954,
erinnert sich an ihre Jugend als Spitzensportlerin

Sport-Portrait | Im zarten Alter von 4 Jahren begann die kleine Sissy mit dem, was sie heute , 79 Jahre später, noch immer am liebsten macht: Eislaufen. Uns erzählt sie, wie sie durch einen Zufall mit 16 erstmals an den Olympischen Winterspielen teilnahm und wie beschwerlich damals der Weg dorthin. Dass es in Neustadt überhaupt einen Eislaufplatz gibt, ist auch ihr Verdienst.

Elisabeth Bollenberger, 83 Jahre alt, geborene Schwarz und von allen Sissy genannt, ist eine Neustädter Eiskunstlauflegende und hat über ihre Anfänge, Olympia und das Neustadt der vergangenen Jahrzehnte so einige Geschichten auf Lager, die sie nur zu gerne mit uns teilt.

Sissy mit Urenkelin Viola, die ihre
Uroma gerne am
Eislaufplatz besucht. In der Hand hält sie
die Goldmedaillien ihrer Urgroßmutter von 1954.

Der Beginn einer Karriere
1936 geboren, wuchs Sissy in Wien auf. Die Mutter war Lehrerin und der Vater arbeitete in einer Bank. Ein normales, bescheidenes Leben eben, selbst während des Krieges. „Ich habe tatsächlich vom Krieg nicht viel mitbekommen. Ich kann mich aber erinnern, dass wir ab und zu Mal in den Bunker mussten und dann dort eine Weile geblieben sind“, erzählt Sissy. Mit vier Jahren dann der Schritt, der ihr Leben bestimmen sollte. „Der Mutti war immer so kalt, also hat sie mich eines Tages zum Eislaufplatz mitgenommen. Während sie sich drinnen aufgewärmt hat, habe ich eislaufen gehen dürfen.
Der erste Lehrer, der mich unterrichtet hat, war ein alter, liebenswürdiger Mann. Die Trainer haben allerdings immer wieder gewechselt, je besser man wurde. Irgendwann war es dann soweit, dass ich in den ‚Trainingsraum‘ durfte. Nur die besten Kinder durften dort trainieren.“ Viele Kinderkonkurrenzen und Turniere später bestand der Alltag nur noch aus der Schule und dem Eislaufplatz. „Die Mutti war eben froh, dass ich an der frischen Luft war. Sie hat sich auch immer vor den Sommerferien gefürchtet. Da gab es nämlich weder Schule noch Eislaufen und somit war die Gefahr groß, dass mir langweilig wurde“, erzählt Sissy schmunzelnd.

Das Olympia der 50er Jahre
1952, Sissy war 16 Jahre alt, kam dann die Chance – die Olympischen Spiele. „Ursprünglich sollte ein Grazer Paar nach Oslo zu den Spielen fahren, die sind aber im letzten Moment abgesprungen. Es wurden also ein Junge und ein Mädchen gesucht, die Paarlaufen würden.“ Das Problem war allerdings, dass niemand Paarlaufen wollte, da der Aufwand, sich auf einen Partner einzustellen, zu groß war. Niemand – außer Sissy und Kurt Oppelt, ein Junge aus einem anderen Wiener Verein. „Das muss man sich mal vorstellen. Wir hatten nur wenige Monate Zeit, alles umzulernen und synchron zu laufen. Außerdem kannten wir uns davor gar nicht. Aber wir hatten keine Wahl – das hat einfach nicht dauern dürfen“, erzählt sie.
Eingekleidet in graue Mäntel, schwarze Hüte und dünne blaue Kostüme reiste das gesamte Olympiateam nach Oslo. „Das war aber nicht so, wie man sich das heute vorstellt. Trainingsgelder gab es zu der Zeit noch nicht. Wir mussten zuerst mit dem Bus nach Tulln, dann ging es weiter nach München, von dort aus nach Frankfurt und so weiter. Man kann sich also vorstellen, wie lange die Reise gedauert hat“, so Sissy. Bei diesen Spielen sollte es nur der 9. Platz werden. Zeit zum Verschnaufen gab es aber nicht, denn die Weltmeisterschaft stand vor der Tür, bei der das Paar schon den 7. Platz belegte. Zwischendurch maturierte Sissy. Auf die Frage, ob sie andere Zukunftspläne hatte, als Eiskunstlauf, antwortet sie lachend: „Wenn man es einmal in den Trainingsraum geschafft hatte, gab es keine anderen Pläne mehr. Das wurde dann einfach für einen entschieden. Trotzdem hatte ich zwischenzeitlich mit dem Jus-Studium begonnen, allerdings war das mit dem Sport nicht zu vereinbaren.“

„Ich mochte das Leben in Wiener Neustadt. Damals war die Stadt noch viel kleiner und die Menschen bescheidener.“

1954 kam die nächste Chance auf die Medaille bei der Olympiade, diesmal in Italien. „In diesem Jahr haben wir die Europameisterschaft, die Weltmeisterschaft und schlussendlich die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen gewonnen“, erzählt Sissy. „In den Jahren darauf durfte ich bei verschiedenen Eisrevues mitlaufen, überall auf der Welt. Ende der 50er Jahre hatte ich allerdings genug von der Reiserei. Ich vermisste meine Eltern, mein Zuhause und auch meinen zukünftigen Ehemann, Ernst, der sich über eine lange Zeit mit Briefen von mir zufriedengeben musste“, so Sissy.

Das Leben in Neustadt
1960 wurde geheiratet und das Paar zog nach Wiener Neustadt, wo Ernst ursprünglich herkommt. Drei Kinder folgten in den nächsten Jahren. „Ich mochte das Leben in Wiener Neustadt. Damals war die Stadt natürlich noch viel kleiner und die Menschen bescheidener. Man ging gerne ins Gasthaus oder ins Theater, man fuhr zum Neusiedlersee zum Schwimmen, oder man wanderte auf die Hohe Wand. Was allerdings fehlte, war ein Eislaufplatz“, erklärt Sissy. „1972 war es dann soweit – eine Gruppe wichtiger Männer aus Neustadt fand sich zusammen und beschloss einen Eislaufplatz zu bauen. Mich holten sie auch mit ins Boot. Damals war das etwas ganz Besonderes, weil es in ganz Österreich nur eine Handvoll Eisbahnen gab“, erzählt sie, während sie, man glaubt es kaum, eine SMS auf ihrem Handy beantwortet. Da soll nochmal jemand sagen, die ältere Generation kennt sich mit Handys nicht aus. „Na jedenfalls wurde der Eislaufplatz im Dezember 1972 eröffnet und ich kümmere mich seitdem um die Kinderkurse, bis heute“, erzählt die 83-Jährige stolz.

“Ich finde die heutige Jugend höflich und zuvorkommend. Ich glaube auch, dass sie vor allem vernünftiger sind, als beispielsweise die Generation meiner Kinder.“

Zurückblickend auf ihr Leben, meint sie, dass ihr die Dinge einfach passiert sind, sie hätte nichts geplant, sondern einfach jeden Tag so genommen wie er eben war.

FACTS

Name:
Elisabeth Bollenberger (geb. Schwarz)

Alter: 83

Berufung:
Eiskunstläuferin

Geboren:
1936 in Wien, lebt seit 1960 in Wiener Neustadt.

Größte Erfolge:
Olympia Teilnahme 1952, 1954, 1956
Europameister 1954
Weltmeister 1954
Olympia Gold 1954

Sie ist nach wie vor jede Wintersaison am Eislaufplatz zu finden, wo sie die Kinderkurse leitet.

In der Sommersaison findet man sie im Thermalbad in Bad Fischau.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s