Berta (107) – Die älteste Wiener Neustädterin

Reportage | Auf der Suche nach dem ältesten Menschen in Wiener Neustadt machte sich unser Redakteur Clemens auf zu einem besonderen Besuch ins Ungarviertel. Sein „Date“ war 91 Jahre älter als er. Berta Kohlhauser hatte als Kind bereits den ersten Weltkrieg miterleben müssen.

Es war ein rauer Herbsttag. Ich hörte nichts außer dem Wind, der eiskalt durch meine dünne Jeansjacke wehte und mein Haar zerzauste. Ein kurzer Blick auf meinen Notizblock bestätigte mir, dass ich richtig gegangen war. Ich stand vor einem kleinen, veralteten Einfamilienhaus. Etwas unsicher, was mich in den nächsten Augenblicken erwarten würde, drückte ich auf den Klingelknopf. Sogleich hörte ich ein leises, schrilles Surren aus dem Inneren des Hauses. Die dicke Holztür öffnete sich und eine alte Dame fragte mich, ob ich der junge Redakteur sei, den sie erwartete.
Der Name der Frau ist Hertha Kohlhauser und sie ist die Stieftochter von Berta Kohlhauser, der ältesten Bewohnerin Wiener Neustadts. Sie bat mich am Küchentisch Platz zu nehmen. Das Zimmer war recht dunkel. Die einzige Lichtquelle: ein Fenster, von dem ich auf das alte Stadion blicken konnte, das gerade abgebaut wird. Hinter mir stand eine grünliche Küchenzeile mit Gasherd. Ich nahm gerade meinen Notizblock und einen Kulli aus meinem Rucksack, als mich plötzlich etwas am Bein streifte. Es war Herthas Hündin Wanda, die sich wahrscheinlich über Besuch wunderte. Durch meinen Kopf ging mir die ganze Zeit jedoch nur eine Frage: Wo ist Berta?IMG-20191105-WA0002

Mittagsschläfchen mit 107
Erst beim zweiten Umsehen im Raum entdeckte ich die Tür in ein weiteres Zimmer. Hertha bemerkte meine Neugier und öffnete die Tür für mich. Gespannt betrat ich das bescheidene Wohnzimmer. Vor mir sah ich ein großes Bücherregal, einen Tisch mit Vitamintabletten und ein Bett mit einer weißen Decke. In ihm schlief seelenruhig Berta. Ihre Pflegerin, die normalerweise rund um die Uhr bei ihr ist, hatte gerade Urlaub. Um sie nicht aufzuwecken, verließ ich das Wohnzimmer wieder und setzte mich zum Küchentisch. Über mir flackerte eine kaputte Glühlampe, die Hertha wohl gerade aufgedreht hatte. Sie setzte sich mir gegenüber und begann zu erzählen.

Die Geschichte der Berta Kohlhauser
Am 4. November 1912 wurde Berta Müller im oberösterreichischen St. Johann am Wimberg geboren. Sie lebte dort mit Vater, Mutter und zwei jüngeren Schwestern, beide bereits verstorben. Nach einem Umzug in ein Försterhaus in den Föhrenwald bei Wiener Neustadt besuchte sie die Volksschule in Schwarzau am Steinfeld. Sie trank Milch von ihrer Hausziege und ein Festmahl gab es unter anderem nur dann, wenn ihr Vater ein Eichhörnchen geschossen hatte. Der Erste Weltkrieg war während dieser Zeit gerade voll im Gange. Die junge Berta machte ihren Grundschulabschluss und begann dann als Köchin und Haushälterin bei der Familie Schuch in der Bahngasse zu arbeiten. Während des Zweites Weltkrieges, den sie mehr oder weniger gut überstanden hatte, musste sie nach Schottwien fliehen. Als der Krieg zu Ende war, kehrte sie wieder zur Familie Schuch zurück. In dieser Zeit lernte sie dann ihren Mann kennen, den sie 1960 heiratete und von einer Müller zu einer Kohlhauser wurde. Sie zog in das Haus, in dem ich mir ihre Lebensgeschichte angehört habe. Ihr restliches Leben mit ihrer neuen Familie verbrachte sie hier.

Bertas Charakter
Schon als Kind war Berta stets schweigsam und bescheiden, was sich bis heute nicht geändert hat. Sie liebt die Tiere und die Natur. Am liebsten hat sie Zeit in ihrem Garten verbracht, um den sich heute Hertha kümmert. Ihr Wissensdurst und ihre Motivation, täglich Zeitung zu lesen, wurde mit dem Alter immer größer. Ferngesehen hat sie allerdings nie gerne, denn von neuer Technik hält sie nichts. Weit ist sie nie aus ihrer Heimat weggekommen. Ihre weiteste Reise war wohl ein Urlaub nach Kroatien mit ihren beiden Schwestern.

Ihr Leben in den letzten Jahren
Berta geht es phasenweise mal besser, mal schlechter. Mit 90 Jahren hatte sie eine Hüftoperation und seit sie 98 ist, wird sie 24 Stunden von einer Pflegerin betreut. Zurzeit nimmt sie kein einziges Medikament. Der Arzt meinte, sie schaden ihr mehr, als dass sie helfen. Denn sie hatte ihr ganzes Leben keine Medikamente genommen. Das ist wohl der Grund dafür, dass sie am 4. November ihren 107. Geburtstag feiern konnte. Eine bemerkenswerte Frau, der ich weitere hundert Jahre zutraue.

Abschied
Zu einem Small Talk mit der mit Abstand reifsten Dame der Stadt ist es leider nicht mehr gekommen, weil sie bis zu meinem Aufbruch tief und fest schlief. So packte ich nach dem Gespräch mit Hertha meine Sachen zusammen und stand vom Küchentisch auf. Der leicht morsche Holzboden unter mir knarrte und weckte Wanda, die zwischen meinen Beinen ein Nickerchen gemacht hatte. Hertha sperrte mir die Haustür auf und verabschiedete sich mit einem netten Grinsen von mir.

 

Reportage von Clemens Wagner

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