Von der Physiotherapeutin zur Rechtsanwältin

Wie wird man… Rechtsanwältin? | Alexandra Ehrenhöfer (47) erzählt was ihr ehemaliger Job als Physiotherapeutin mir ihrem heutigen Beruf als Rechtsanwältin zu tun hat und verrät, was ihr an ihrem Leben als Juristin besonders gefällt. Außerdem gibt sie Tipps für angehende Jusstudierende und gibt preis, was ihr bei Bewerber*innen wichtig ist.

Wie viele andere Menschen, die kurz vor ihrem Schulabschluss stehen, konnte sich auch Alexandra damals schwer für einen Berufsweg entscheiden. „Mich haben Physiotherapie und Jus sehr interessiert, ich habe mich dann aber für die Ausbildung zur Physiotherapeutin entschieden, drei Jahre in diesem Beruf gearbeitet und mit 24 Jahren mein Jusstudium begonnen.“, erzählt sie. Physiotherapeut*innen seien damals eine unterbewertete Berufsgruppe gewesen und hätten mehr Anerkennung und einen größeren gesellschaftlichen Stellenwert verdient, meint die Juristin heute. Außerdem hatte sie Zweifel, ob sie den Beruf bis zur Pensionierung ausüben wollte, da er auch körperlich anstrengend sei. „Großes Interesse an Jus hatte ich schon immer, ich wollte mir das Studium einfach mal anschauen, man verliert ja nichts bei der Inskription. Dann bin ich bei Jus hängen geblieben, habe aber nebenbei noch als Physiotherapeutin gearbeitet.“, erzählt sie.

„Wären meine Aussagen von einem Mann gekommen, wären wohl viele Situationen anders bewertet worden.“


Schon ihr Vater war Rechtsanwalt und Alexandra berichtet: „Druck, denselben Berufsweg einzuschlagen, verspürte ich nie. Damals waren viel weniger Frauen in dem Beruf tätig und es gab keinerlei Erwartungen, dass ich in seine Fußstapfen trete.“ In den letzten zwanzig Jahren habe sich schon viel geändert, meint die Juristin: „Ich glaube, es gibt heute mehr Richterinnen als Richter, damals war das anders. Ich bin eine kleine, blonde Frau und vor allem am Anfang hatten älteren Kollegen schon Probleme damit. Wären meine Aussagen von einem Mann gekommen, wären wohl viele Situationen anders bewertet worden. Ich bin aber nicht auf den Mund gefallen und habe mir den Respekt aller Kollegen verdient, mir zügig Achtung erarbeitet und Vorurteile außer Kraft gesetzt.“
Schon in ihrem Job als Physiotherapeutin hätte sie gelernt, Menschen zu helfen und sammelte Lebenserfahrung, die ihr im Studium von Vorteil war. Die beiden Berufe verbinde, dass man sowohl als Juristin wie auch als Anwältin mit Klient*innen beziehungsweise Patient*innen zu tun habe und Menschen mit Problemen helfe: „Die Arbeitserfahrung war ein großer Vorteil, allein durch das Alter war ich reifer als meine Studienkolleg*innen und habe mich nicht von Prüfer*innen beeindrucken lassen oder große Angst vor Prüfungen gehabt.“

Das Jusstudium

Die Anwältin zog das Studium in sieben Semestern durch und war nur für die Mindeststudienzeit von acht Semestern an der Uni inskribiert. Dabei gibt sich die Juristin aber bescheiden: „Natürlich war ich ehrgeizig, aber ich habe damals einfach sehr leicht gelernt und daher auch Glück gehabt.“
Trotzdem meint die Juristin: „Ich habe in meinem Leben noch nie so viel gelernt wie für die Rechtsanwaltsprüfung.“ Um diese zu absolvieren, musste man damals nach dem abgeschlossenen Studium noch ein neunmonatiges Gerichtsjahr machen und dabei 40 Stunden pro Woche bei einem Landes- und Bezirksgericht arbeiten. Danach musste man als Rechtsanwaltsanwärterin tätig sein und erst dann durfte man zur Rechtsanwaltsprüfung antreten. Diese gliedert sich in einen schriftlichen Teil, in der Zivilrecht, Strafrecht und Verwaltungsrecht geprüft wird, sowie in einen mündlichen Teil vor einer Kommission aus Richter*innen des Oberlandesgerichts und Anwält*innen der Anwaltskammer. „Mit dieser Prüfung ist man aber noch nicht fertige Rechtsanwältin, sondern muss sich nach insgesamt fünf Jahren Berufserfahrung inklusive des Gerichtsjahres in die Liste der Anwälte eintragen und erst nach dieser Eintragung kann man schließlich als selbstständige Rechtsanwältin tätig sein“, erklärt Alexandra ihren langen Berufsweg.

Mag. Alexandra Ehrenhöfer (47) in ihrem Büro der Rechtsanwaltskanzlei „Ehrenhöfer & Häusler“ in der Neunkirchnerstraße beim Sparkassensaal. ©privat

Alexandra Ehrenhöfer ist heute selbstständig in der gut gehenden Anwaltskanzlei „Ehrenhöfer & Häusler“ in Wiener Neustadt tätig und übt ihren Beruf nun schon seit fast 20 Jahren aus. „Es gab noch keinen einzigen Tag, wo ich dachte, ich mag nicht mehr und ich wünsche mir, dass das noch lange so bleibt, denn mir macht mein Job wirklich Spaß.“ Die Anwältin arbeitet pro Woche zwischen 50 und 60 Stunden. Ausgleich findet sie beim Sport, beim Lesen und beim Reisen. „In den letzten Wochen habe ich gelernt, dass man sich mehr Zeit für sich nehmen sollte, in der man auch mal nichts macht.“, erzählt Alexandra.

Tipps für Studierende

Wesentlich sei laut der Anwältin das respektvolle Auftreten gegenüber jedem Klienten und jeder Klientin. „Wie du in den Wald hineinrufst, kommt es zurück“, meint Alexandra. Neben dem Studium schon erste Berufserfahrung zu sammeln sei wichtig. Ein weiterer Tipp der Rechtsanwältin für Studierende ist, sich öffentliche Verhandlungen anzuhören. „Jeder kann dort hingehen, damit habe ich mir als Studentin viel Auswendiglernerei erspart.“, rät sie Jusstudent*innen. Bei Bewerber*innen sei ihr besonders wichtig, was die Person noch gemacht hat, außer zu studieren. „Nicht die Mindeststudienzeit ist relevant, sondern Praktika, Auslandssemester oder ein zweites Studium“, meint Alexandra.

Was sind die Aufgaben einer Rechtsanwältin?

„Hauptaugenmerk in meiner Tätigkeit ist die gute Beratung der Mandanten und Mandantinnen. Ich zeige ihnen die möglichen Risiken auf und kläre sie über das Verfahren auf. Daneben gibt es Schriftverkehr zu erledigen, man sitzt auch viel am Schreibtisch und vor dem Bildschirm.“, berichtet die Juristin. Am meisten liebt Alexandra die Abwechslung in ihrem Beruf. „In meiner Kanzlei decken wir mit vier Juristen fast alle Rechtsgebiete ab. Von Scheidungsrecht über Erbrecht bis zu Schadenersatzrecht habe ich die unterschiedlichsten Aufgabenfelder. Auch die kommunikative Arbeit mit Menschen gefällt mir sehr.“ Alexandras Schwerpunkt ist das Zivil- und Privatrecht. Vor allem das Familienrecht gehört zu ihren Lieblingssparten, genauso wie Scheidungen und Erbangelegenheiten. Auch die Arbeit mit Testamenten und Verträgen gehört zu ihrem Berufsalltag.
Für jemanden, der schnell beleidigt ist, oder der nicht sachlich bleiben kann, sei der Beruf aber nichts, meint die Rechtsanwältin. Alexandra erzählt: „Man muss sich durchsetzen können und auch wollen! Auch das Auftreten, Anstand und eine gewisse Etikette sind wichtig. Anfangs ist es schwer, flexibel in dem Beruf zu agieren und neue Dinge schnell zu erfassen. Dann sollte man nicht verzweifeln und einfach durchbeißen, denn mit der Zeit lernt man diese Dinge.“

Die Ausbildung zur Rechtsanwältin heute.

Voraussetzung fürs Jurastudium: Matura. Die Zusatzprüfung in Latein kann während des Studiums nachgeholt werden, falls Latein nicht im Ausmaß von mind. 12 Wochenstunden absolviert wurde.

Diplomstudium der Rechtswissenschaften:

  • 8 Semester Regelstudienzeit
  • 3 Abschnitte: 1. Einführungsabschnitt inklusive StEOP (Studieneingangs- und Orientierungsphase), 2. Judizieller Abschnitt, 3. Staatswissenschaftlicher Abschnitt
  • Fünfjährige praktische Berufsausbildung, davon mindestens fünf Monate bei Gericht oder einer Staatsanwaltschaft und mindestens drei Jahre in der Kanzlei eines Rechtsanwaltes als Berufsanwärter
  • Rechtsanwaltsprüfung vor einer Prüfungskommission des Oberlandesgerichtes
  • Eintragung in die bei der Rechtsanwaltskammer geführte Liste

Quellen:
https://ssc-rechtswissenschaften.univie.ac.at/
https://www.rechtsanwaelte.at/buergerservice/der-rechtsanwalt/ausbildung/

Text: Melina Sederl


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