Sprachen-Portrait//„Es ist halt schon was anderes, wenn man den Mund in einer anderen Sprache aufmacht“

Sprachen-Portrait // Anna Daróczi ist 25 und lebt in Wien, ursprünglich kommt ihre Familie mütterlicherseits aus Siebenbürgen, einem ehemaligen Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie, der heute zu Rumänien gehört. Ihre Mutter ist daher zweisprachig mit Ungarisch und Deutsch aufgewachsen und hat dann beschlossen, auch ihre Kinder so aufzuziehen. Heute spricht Anna neben Deutsch und Ungarisch auch noch Englisch und ein wenig Spanisch. Da sie in der Hotellerie arbeitet, kommt ihr das oft zugute.

Anna erzählt, dass sie durch ihre Zweitsprache immer mit ihrer Herkunft und ihrer Familiengeschichte verbunden ist und man ihr das nie nehmen kann. Sie glaubt daher auch, ein höheres kulturelles Verständnis zu haben als viele andere. Außerdem ist es ihr so möglich, sich in Ungarn und Teilen Rumäniens zu verständigen und sich so dort auch besser zu integrieren. Annas Urgroßeltern kamen aus Siebenbürgen. Ihre Familie gehörte dort zu den Großgrundbesitzern und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam die Kommunistische Partei in Rumänien an die Macht und machte die adelige Familie zum „Klassenfeind“. Dadurch wurden sie politisch verfolgt und 1949 enteignet, durften sich nicht frei im Land bewegen, fanden wegen ihres Klassenfeind-Status keine dauerhafte Arbeit, durften nicht an einer Universität, so waren sie also ernsthaft in ihrer Existenz gefährdet. Da ihr Urgroßvater aber in seiner Jugend in Kalksburg zur Schule ging und dort maturierte hatte er gute Beziehungen, so konnten ihre Urgroßmutter und Großonkel nach Österreich ausreisen. Später dann auch Annas Mutter mit ihren Eltern und ihrem Bruder. 1970 war somit die Familie in Österreich wiedervereint.

Kein Vorteil beim Sprachenlernen
Anna meint, keinen großen Vorteil aus der Zweisprachigkeit gezogen zu haben, wenn es um das Erlernen von anderen Sprachen geht. Die ungarische Sprache gehört zum ungarischen Zweig der finno-ugrischen Sprachgruppe und gehört somit nicht in die gleiche Sprachgruppe wie die Sprachen, die momentan gerne gelernt werden. Daher sei es nicht direkt hilfreich, wenn man eine andere Sprache lernen möchte. Einen Nachteil sieht sie daran aber definitiv auch nicht, da sie nie Lernprobleme hatte oder von anderen aufgrund ihrer Herkunft ausgeschlossen wurde. Ihre Schulzeit hat sie zuerst an der Sta. Christiana Volksschule und dann am BRG Gröhrmühlgasse in Wiener Neustadt verbracht. Danach ging es für sie an die BAKIP nach Wien. Doch sie stellte fest, dass Kindergärtnerin doch nicht ihr Traumjob war und machte das ÖHV Tourismuskolleg am Semmering. Jetzt arbeitet sie als Rezeptionistin in Wien.

Mit wem spricht man in Wiener Neustadt ungarisch?
In Wiener Neustadt gibt es laut Anna keine wirkliche ungarische Community, doch in ihrer Kindheit war sie Teil einer ungarischen Pfadfindergruppe in Wien. Sonst spricht sie vor allem mit ihren Großeltern und teilweise auch ihrer Mutter ungarisch. Sind Leute dabei, die nur Deutsch sprechen ist es ihr wichtig, dass nicht auf Ungarisch gesprochen wird. „Das ist sonst einfach respektlos“, sagt sie. Mittlerweile lebt sie, nachdem sie ihre Jugend in Wiener Neustadt verbracht hat, in Wien und arbeitet in der Hotellerie. Dabei hilft ihr ihre zweite Muttersprache oft weiter, da viele ihrer Kollegen auch zweisprachig aufgewachsen sind und auch oft Gäste aus unserem Nachbarland zu Besuch nach Wien kommen. Bei Bewerbungen kommt ihre Mehrsprachigkeit gut an. In der Bundeshauptstadt hat sie viele Freunde gefunden, die ebenfalls Ungarisch sprechen. Auch beim Fortgehen lernt man Menschen ganz anders kennen, wenn man sich mit ihnen in der Muttersprache unterhalten kann. „Es ist halt schon was anderes, wenn man den Mund in einer anderen Sprache aufmacht“, sagt Anna. Mittlerweile hat sie in etwa gleich viele Ungarisch- wie nicht Ungarisch-sprechende Freunde. Denn die gemeinsame Sprache verbindet.

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