Sprachen-Portrait//„Für jede Sprache eine andere Persönlichkeit“

Türkisch / Mert ist Trilingual aufgewachsen, seine Muttersprache ist Türkisch. Für jede der drei Sprachen Deutsch, Englisch und Türkisch hat er eine eigene Persönlichkeit entwickelt, wie er im Klette-Interview erzählt. Außerdem spricht er über die türkische Kultur, seine Lieblingswörter und richtet einen Appell sowohl an Türk*innen als auch Österreicher*innen.  

Mert ist Trilingual aufgewachsen, seine Muttersprache ist Türkisch. Für jede der drei Sprachen Deutsch, Englisch und Türkisch hat er eine eigene Persönlichkeit entwickelt, wie er im Klette-Interview erzählt. Außerdem spricht er über die türkische Kultur, seine Lieblingswörter und richtet einen Appell sowohl an Türk*innen als auch Österreicher*innen.  

Mert Kilics Muttersprache ist zwar Türkisch, doch neben Deutsch hat er seit dem Kindergarten auch Englischunterricht bekommen. Seine Eltern sind beide in ihrer Jugendzeit nach Österreich gezogen, er selbst ist in Wiener Neustadt auf die Welt gekommen. In frühen Kinderjahren ist zuhause noch Türkisch gesprochen worden, erzählt Mert. Inzwischen wird bei ihm zuhause mit der Mama Deutsch und mit dem Papa und den Großeltern Türkisch gesprochen.  

Wie war das in der Kinderzeit, welche Sprache habt ihr da gesprochen? 
Meine Kinderzeit ist nicht wie die von „normalen“ Menschen, denn ich habe einen großen Teil meiner Kindheit aufgrund eines angeborenen Herzfehlers im Krankenhaus verbracht. Dort haben die Ärzt*innen und Krankenschwestern und -pfleger mit mir auf Deutsch geredet. Deswegen habe ich als Kind auch vermehrt Deutsch gesprochen.  

Was sind die Besonderheiten am Türkischen und hast du Lieblingswörter? 
Die Simplizität, würde ich sagen. Es gibt nicht so viel Grammatik, keine Artikel und alles wird so ausgesprochen, wie es geschrieben wird. „Maymun“, das heißt „Affe“. Aber auch „hayat“ finde ich schön, das heißt „leben“, ist aber auch ein Name. Weitere Wörter sind „Güneş”, das bedeutet „Sonne” und „Ateş” „Feuer”.  

Kannst du uns ein paar Türkisch-Basics sagen? 
Merhaba heißt Hallo, aber man kann inzwischen auch Hallo sagen und man wird verstanden. Weil in Deutschland und Österreich viele türkische Emigrant*innen leben, aber nicht die ganze Familie auswandert, lernen Türk*innen mit Verwandten in Österreich ein paar deutsche Wörter. Und vermutlich weil man es sich leicht vom Englischen “Hello” ableiten kann.  

Was sind für dich Vor- und Nachteile der Bilingualität? 
Ein Vorteil ist, dass man so leichter weitere Sprachen lernen kann. Die Voraussetzung ist aber, dass man das Lernen der zweiten Sprache am Anfang gut hinbekommt. Denn es gibt viele Fälle, bei denen Menschen dann weder die Muttersprache noch die zweite Sprache gut beherrschen. Man muss schauen, dass das Fundament stimmt, denn dann eröffnet das viele Türen und man entwickelt für jede Sprache eine andere Persönlichkeit. Ich bin eine andere Person, wenn ich Türkisch spreche, als wenn Deutsch oder Englisch spreche. Da ich im Türkischen nicht so ein großes Vokabular wie im Deutschen habe, bin ich da oft makaber und ein bisschen gemein, weil ich nicht weiß, wie ich etwas besser ausdrücken soll. Im Deutschen bin ich halt eloquent, ganz normal wie jede*r Teenager*in auch und im Englischen bin ich fast schon zu nett.  

Was ist die türkische Kultur für dich?  
Schwierige Frage, was ist denn die österreichische Kultur? Es ist sehr davon abhängig, wo man sich befindet, aber in den größeren Städten wie Instanbul gibt es kaum Unterschiede zur westlichen Kultur, man sieht zum Beispiel LGBTQ+ Menschen auf der Straße gehen, ohne dass sie diskrimiert werden. Auf dem Land merkt man einen großen Unterschied zu Österreich. Zwangsheirat ist immer noch ein großes Problem in manchen Orten, konservative Türk*innen sind viel konservativer als konservative Österreicher*innen. Essen ist ein großer Bestandteil, wir haben so viele Spezialitäten. Die Familienwerte sind ein bisschen cooler als hier im Westen, weil darauf viel mehr Wert gelegt wird.  

Wo nutzt du die Sprache im Alltag? 
Bei Oma und Opa und wenn ich alljährlich im Sommer im Krankenhaus arbeite, dann rede ich mit Patient*innen, die Deutsch nicht so gut beherrschen. Es gibt viele Parallelen zu Französisch und Latein und jedes Mal, wenn ich im Lateinunterricht ein Wort wiedererkannt habe, habe ich mich gefreut.  

Wirst du die Sprache weitergeben?  
An meine Kinder auf jeden Fall. Ich habe auch vor, meine Kinder Trilingual zu erziehen, vielleicht sogar Quatrolingual, falls meine Partnerin eine weitere Sprache spricht. Je mehr Sprachen desto besser, aber nicht überfordern.  

Gibt es von deiner Seite aus noch etwas zu sagen? 
Ja, tatsächlich. Es geht darum, ob man in Österreich stolz darauf sein sollte, türkische Wurzeln zu haben. Natürlich ja, man kann überall auf die eigene Kultur stolz sein, aber ich finde das Konzept „Nationalismus“ nicht cool. Etwas, was mich auch stört, ist der Ruf, den wir Türk*innen haben, vor allem wenn man rechte Politik ansieht und wie wir von dieser dargestellt werden. Das wird uns nicht gerecht und führt nur weiter dazu, dass es eine Abgrenzung gibt und das kann man sicher damit lösen, dass man Jugendliche durch Programme nicht nur in die gleichen Blasen steckt. Ich selber bin immer in so einer „Mischmasch-Blase“ gewesen, doch dieses Privileg hat nicht jede*r. 

FACTS:
Name: Mert Kilic 
Alter: 19 
Wohnort: Wien 
Schule: BRG Gröhrmühlgasse, studiert derzeit Koreanologie und Philosophie  

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