Nachgefragt bei Werner Sejka//Wie wird man eigentlich…Nachrichtenmoderator*in?

Nachgefragt| Mit zehn Jahren wollte er evangelischer Pfarrer werden, später dann Jurist – beruflich trägt Werner Sejka (42) auch heute Anzug, allerdings als Nachrichtenmoderator beim Privatsender Puls4. Die Klette hat den ehemaligen Schlagzeuger der Neustädter Rockband „The Belsons“ und früheren U21 Handball-Staatsmeister zu seiner Laufbahn beim Radio und Fernsehen interviewt, dazu was Handball und Medienarbeit gemeinsam haben und zum Ego-Problem von Journalist*innen.

Um 2.30 Uhr beginnt Werner Sejkas Arbeitstag. Als Nachrichtenmoderator ist er für die Frühsendung des privaten Fernsehsenders Puls4 und für Studiointerviews verantwortlich. Sein Weg dorthin war vielfältig.

Deine Medienkarriere hat in Wiener Neustadt begonnen? Wie das?
Ich bin mit 19 von zuhause rausgeflogen und da hieß es plötzlich „Binnen drei Tagen bist du mit deinen Sachen weg, sonst stehen sie vor der Tür“. Ich musste irgendwo schlafen und irgendwie Geld verdienen und habe begonnen, im Einhorn in Wiener Neustadt zu kellnern. Dort habe ich jemanden getroffen, der bei Radio Max (Anm. d. Redaktion: Merkur Einkaufsradio, das damals sein Studio in der Merkurcity hatte) gearbeitet hat. Ich habe gerade ein Kolleg für Musik und Medientechnik in Wien gemacht und mir gedacht: Ich pfeife auf Jus (das ich studiert hätte, wäre es nach meiner Mutter gegangen) und mache das, was ich mag. Nach Radio Max war ich bei Radio 88.6 und dort dann auch Sportchef. Dort hat mich ATV angerufen und mir einen Job angeboten.

Was haben die Arbeit für Radio und Fernsehen gemeinsam?
Ich habe immer schon gerne geredet, war immer schon laut. In der Schule war ich Klassensprecher, Schulsprecher und der ganze Blödsinn, genau wie viele meiner Kollegen. Das ist die Verbindung in diesem Berufsfeld: Dort arbeiten Menschen, die kommunikativ sind. Radio habe ich wegen der Musik ganz großartig gefunden. Fernsehen ist mir so passiert, das war überhaupt nicht mein Plan.

Du warst Sportchef bei Radio 88.6, im TV-Sportjournalismus und selbst aktiver Handballer. Wie viel Teamsport gibt es im Beruf Journalismus?
Handball war meine ganz große Liebe, da war ich Tormann. Das bedeutet, du bist Einzelsportler in einem Teamverbund, in dem jeder seine Aufgabe hat. Das ist eine sehr große Parallele zum Journalismus. Dieser Gedanke, dass Journalisten Egoisten sind, mag schon stimmen, aber eine Redaktion ist ein Team. Man sieht zwar mein Gesicht in der Sendung, aber egal ob Fernsehen, Radio oder Zeitung – es sind immer mehrere Menschen beteiligt damit alles funktioniert. Das Modell, dass der Moderator der Star ist, finde ich nicht mehr zeitgemäß.

Glaubst du, dass viele Journalisten ein Ego-Problem haben?
Ganz massiv. Ich geh psychologisch davon aus, dass wir alle in dem Beruf ein gewisses Aufmerksamkeitsdefizit haben, das sehe ich gerade auf Twitter. Wir stehen alle schon gern im Rampenlicht. Ich versuche damit aber bewusst umzugehen. Wenn ich morgen nicht mehr bin, dann dreht sich die Welt ja trotzdem weiter.

Was ist für dich das Beste am Job?
Ich mache ihn gern, weil ich jeden Tag versuche, zu übersetzen. Unsereins muss 300 oder 3000 Sätze lesen um dann für die Zuschauerinnen – die mit einem echten Leben und einem normalen Beruf – die drei richtigen zu finden, die sie brauchen, um sich schnell zu informieren. Wir versuchen mehrere Sichtweisen zusammenzubringen und die Hintergründe zu erzählen. Das ist eine total schöne Aufgabe.

Gehen dir die Nachrichten manchmal auf die Nerven? Ist Nachrichtenmachen emotional belastend?
Nachrichten passieren ständig und in meinem Beruf muss man sich dafür interessieren. Mir gehen die Nachrichten nicht auf die Nerven – ich mag das – warum auch immer. Aber ich muss dann auch wirklich mal auf Pause drücken. Wenn ich nachhause fahre nach der Arbeit, dann sind Nachrichten kein Thema mehr, auch am Samstag nicht. Am nächsten Morgen geht es aber von vorne los. Es zieht natürlich runter, weil man oft Bilder sieht, die man nicht sehen möchte. Zum Beispiel das Attentat in Christchurch, das der Täter live auf Facebook gestreamt hat.

Was machst du als Ausgleich?
Sport, zum Beispiel Tennis, und Musik. Schlagzeug spiele ich immer noch zum Spaß. Meine Freundin holt mich immer wieder raus aus der Nachrichtenwelt – zuhause bin ich dann kein News-Moderator mehr, sondern ein normaler Mensch. Ich lese auch gerne, aber das hat dann meistens wieder mit Nachrichten und Politik zu tun.

Wie viele Stunden pro Woche arbeitest du und wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
Offiziell 40 Stunden. Inoffiziell sind es 60, da kommt sehr viel Lesen dazu. Ich bin inhaltlich für die Nachrichtensendung in der Früh verantwortlich. Ich wähle die Nachrichten aus und überlege wie ich sie präsentiere, das ist viel mehr Aufwand, als das Präsentieren an sich. Manchmal habe ich gezielte Fernsehinterviews, zum Beispiel mit Politikern. Aber ich bestimme nicht, wer zum Interview kommt. Zur Vorbereitung lese und telefoniere ich ganz, ganz viel und schaue mir an, was Kritiker und Befürworter zum Thema sagen.

Welche Fähigkeiten helfen dir im Job?
Leistungssport hat mir enorm geholfen. Nach der Schule war ich im Training, das hat total Spaß gemacht, aber eigentlich war es eine Doppelbelastung. Heute tu ich mir mit der Belastung im Job deswegen leichter. Im Sport habe ich auch gelernt, dass Niederlagen dazu gehören und überlege auch jeden Tag nach der Sendung wie ich mich verbessern kann, das kommt auch vom Sport.

Der Jugend wird nachgesagt, dass sie sich nicht für die Nachrichten interessiert. Was müssten Medienunternehmen tun, damit sich junge Menschen mehr dafür interessieren?
Ich glaub gar nicht daran, dass junge Menschen heute weniger an den Nachrichten interessiert sind. Früher hat man die TV-Nachrichten mit den Eltern geschaut, weil nichts anderes gelaufen ist. Heute ist die Auswahl größer. Ich bin fest überzeugt, dass es in jeder Generation unfassbar tolle und interessierte Menschen gibt. Die Menschen, die für Fridays for Future oder Black Lives Matter auf die Straße gehen zum Beispiel. Da sind die Forderungen nicht immer richtig, aber sie engagieren sich.

Dein Motto ist: Wer will, findet einen Weg, wer nicht will, einen Grund. Ist das dein Rat an junge Menschen, die in die Branche wollen?
Wir glauben immer, es gibt nur einen Weg, um zu erreichen was wir wollen und sind enttäuscht, wenn er nicht funktioniert. Aber es gibt auch andere Wege. Radio Max wäre für mich heute noch ein toller Arbeitgeber, aber ich wollte damals nach zweieinhalb Jahren mehr, da war ich 24. Radio 88.6 hat mich eingeladen. Sie hatten aber keinen Job, sondern nur ein Praktikum frei. Das habe ich dann ein halbes Jahr gemacht – für 50 Euro. Damals hatte ich aber laufende Kosten. Von 9 bis 16 Uhr war ich am Sender und hab dort mein Praktikum gemacht und danach bin ich nach Deutsch-Wagram gefahren und habe dort bis Mitternacht gekellnert, damit ich mich erhalten kann. Wer will, der findet einen Weg, wer nicht will findet einen Grund, um es nicht zu versuchen. Zach war es trotzdem und ich habe auch schon so viel Müll machen müssen, um jetzt da zu sein, wo ich bin.

Was siehst du als Nachteil an deinem Beruf?
Als Journalist ist man in so einer Art Blase. Das finde ich total negativ, weil ich oft gar nicht weiß, was die Probleme von normalen Menschen draußen sind. Es ist manchmal schwierig, eine Privatperson zu sein. Im Freundes- und Bekanntenkreis muss ich bei politischen Diskussionen oft aufpassen, nicht wie der Moderator zu agieren.

Wie gehst du im Interview damit um, wenn jemand schreckliche Dinge sagt?
Indem ich versuche, zu differenzieren. Nur weil ein Mensch etwas Schreckliches sagt, heißt das ja nicht gleich, dass er ein schrecklicher Mensch ist. Die Person kann radikal, aber gleichzeitig zum Beispiel ein liebevoller Vater sein.

Dein größter Erfolg im Beruf? Wo würdest du selbst noch hinwollen?
Ich hatte sehr viel Ängste, als ich mit 19 von zuhause rausgeworfen wurde. Mein größter Erfolg ist es, keine Angst mehr zu haben, das war ab Mitte Dreißig so. Gerade in den Medien ist es schwierig sich zu halten, weil es wenige Jobs gibt. Beruflich kann ich mir nichts mehr wünschen. Ich glaube, ich würde gerne mal irgendwo im Waldviertel einen kleinen Bauernhof haben, Ruhe finden, in der Sonne sitzen. #

FACTS:
Name: Werner Sejka
Alter: 42
Wohnort: Mödling
Beruf: Moderator

Werdegang:
Radio Max: Musikredakteur (1999-2002)
Radio 88.6: Moderator, Sportchef (2002-2006)
ATV: Moderator, Redakteur ATV Aktuell (2005-2008)
ProSiebenSat1 Media AG München: Moderator (2006-2011)
Kronehit Radio: Moderator (2009-2012)
red Bull Mediahouse / Servus TV: Anchor Servus Hockey Night (2010-2014)
ProSiebenSat.1Puls 4: Anchor PULS 4 News, Vorsitzender Redakteursrat (seit 08/2014)

Link:
http://www.wernersejka.at

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s