Was man in der Schule nicht lernt//Zuhören.

Schau‘ mir in die Augen – wie man nicht nur hört, sondern zuhört.

Von Marie Hanakamp

In meiner Familie hat es sich eingebürgert uns einmal im Jahr ein großes Haus irgendwo an der Nordsee für ein Familientreffen zu mieten. Der schönste Teil beginnt für mich immer dann, wenn die Kleinsten im Bett sind und die Erwachsenen sich in einer gemütlichen Runde zusammensetzen, um sich zu unterhalten. Heute ist das anders. Heute hat fast jeder das eigene Handy im Blick, sobald es einen Ton von sich gibt, wird der Besitzer nervös, ein zuckendes Bein, ein Blick aus dem Augenwinkel und nach kürzester Zeit wird nachgeschaut, was man verpasst hat. Die Aufmerksamkeit gilt nun nicht mehr der Person, die gerade spricht, sondern einem „Meme“ aus einer Whatsapp-Gruppe. Es kehrt Stille ein. Sobald das Handy weggelegt wird, wird die Konversation leicht genervt weitergeführt.

Gut, das ist wahrscheinlich ein wenig überspitzt dargestellt. Aber seien wir mal ehrlich – solch eine Situation kennt doch wirklich jeder. Handys bieten Zugriff auf die spannendsten Ereignisse, die lustigsten Kuriositäten und die dramatischsten Skandale weltweit. Da kann ein Mensch nicht mithalten. 

Besonders die unter 20-Jährigen haben das Zuhören verlernt. Und die Schule ist kein Ort an dem dieses „Skill“ besonders gefördert wird. Das Handy wird einem abgenommen, wenn es klingelt. Das führt dazu, dass man während des Unterrichts, statt zuzuhören, an einer schlimmen Form von „FOMO“ leidet (Fear of missing out) und nach dem Läuten gehetzt zum Lehrertisch rennt, um es wiederzubekommen. Ich gebe es zu – ich wäre auch eine von denen. Teilweise muss ich mein Handy in ein anderes Zimmer legen, um mich auf ein Gespräch mit meiner Schwester zu konzentrieren. Denn läge es neben mir, würde es gefühlt schreien: „NIMM‘ MICH“.

Natürlich gibt es auch diejenigen, die zwar zuhören können, das aber nur tun, um zu antworten. Das kannst du übrigens testen. Schaut dein Gegenüber beispielsweise überall hin nur nicht in deine Augen, nickt dabei aber und stimmt dir zu, dann kannst du dir ziemlich sicher sein, dass sie oder er nur darauf wartet selbst zu sprechen zu beginnen. Genau dasselbe mit Gesprächspartnern, die dich regelmäßig unterbrechen. 

Und dann gibt es noch die gruseligste Sorte von allen – Menschen, die dir ununterbrochen in die Augen schauen und tatsächlich interessiert Gegenfragen stellen. Die auch feinfühlige Zwischennuancen des Gesagten hören und verstehen. Die wohl rarste Sorte der heutigen Gesellschaft. 

Aber was kannst du tun, um deinen Mitmenschen gegenüber, ein besserer Zuhörer zu werden?

  1. Handy weglegen und am besten auf Flugmodus schalten.
  2. „Schau‘ mir in die Augen, Kleines“. Dieser Satz ist nicht nur der Erkennungsspruch des Klassikers Casablanca, sondern trifft absolut zu. Wenn du deinem Gegenüber direkt in die Augen schaust, wird er sich wohl in deiner Nähe fühlen und sich dir gerne öffnen.
  3. Auch wenn dein Gesprächspartner dir ein Problem erzählt, welches du nicht nachempfinden kannst, zeige trotzdem Interesse. Deiner Meinung nach gibt es Schlimmeres auf der Welt? Das mag sein, aber dieses Ereignis hat nun mal Gewicht im Leben deines Gegenübers. Das ist völlig in Ordnung so und sollte akzeptiert werden.
  4. Frage nach! Im Grunde wollen wir doch alle dasselbe – über uns selbst sprechen. Und das ist auch gut so, denn nur indem man über das eigene Leben spricht, kann man reflektieren und Lösungen finden. Durch Gegenfragen, übernimmst du in gewisser Weise den Part des Therapeuten. Auch wenn ich kein Freund von Heuchelei bin, kann man in diesem Fall sagen: Geheucheltes Interesse ist besser als gar kein Interesse. (zumindest dann, wenn dein gesunder Menschenverstand nichts Gegenteiliges einzuwerfen hat)
  5. Höre nicht nur zu, HÖRE auch zu! Könnt ihr euch an den Film Avatar erinnern? Statt „Ich liebe dich“ spricht man in Pandora von „einander sehen“. Damit ist nicht die eigentliche Sinneswahrnehmung „Sehen“ gemeint, sondern das „einander auf tieferen Ebenen spüren“. Und genau das gibt’s auch in einer Konversation. Höre nicht nur mit den Ohren zu, sondern versuche auch Gesten und Mimik zu deuten. Beispielsweise merkt man einer lächelnden Person an, dass es ihr nicht gut geht, wenn das Lächeln nicht bei den Augen ankommt.
  6. Lass‘ dein gegenüber ausreden und lege eine kurze Pause ein, um über das eben Gehörte nachzudenken. Oft überlegt man sich schon was man antworten möchte, noch bevor der andere überhaupt ausgesprochen hat. Wie soll man wissen was man antwortet, wenn man sich gar nicht alles bis zum Ende anhört?

Ganz ehrlich, ich bin kein perfekter Zuhörer und viele von euch sicherlich auch nicht. Aber besonders in dieser Zeit, die so geprägt von Angst und Einsamkeit ist, kann ein einziges ungestörtes Gespräch die Nacht zum Tag machen.

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