Kultur-Portrait//“Es gibt keine richtige und falsche Literatur“

Er schreibt. Aus Leidenschaft. Thomas Kondor (28).

Von Janine Tremmel

Der Autor | Thomas Kodnar ist 28 und hat 2015 den „Forum Land“ Literaturpreis in der Kategorie „Junge Autoren“ gewon- nen. Sein Gerne ist Horror und er ist vielleicht der nächste Stephen King. Wir haben ihn gefragt, warum er schreibt und ob seine Geschichten eine versteckte Botschaft haben.

Du schreibst ja vor allem Horror oder Krimis, warum dieses Genre und ist es das Genre, das du selbst am liebsten liest?

Horror ist mein Lieblingsgenre, ja. Es bietet so viele Möglichkeiten, erlaubt so viel Spielraum für Subversion, Dekonstruktion Analyse und Symbolik – oder auch einfach nur für das Spielen mit Ängsten, das Konfrontieren mit Ängsten. In Horror ist es letztlich egal, ob phantastische Elemente sich in der Wirklichkeit der Geschichte oder in den Köpfen der Figuren abspielen, worüber unsinnigerweise oft lang und breit diskutiert wird. Manchmal ist ganz einfach beides der Fall. Ich muss mich nur an meine Kindheitsängste erinnern – das Monster im Schrank, der Geist im dunklen Korridor. Was spielt es denn für eine Rolle, dass es weder das Monster noch den Geist wirklich gegeben hat? Die Angst war sehr real, hat die Fantasie angeregt, mein Leben um Erfahrungen bereichert. Das Überleben dieser Ängste war genauso real, ein Triumphgefühl. Und manche Monster sind dann eben doch echt, auch wenn sie nicht das sind, wofür man sie gehalten hat. Das ist Horror. Eine Auseinandersetzung mit sich selbst, in der letzten Instanz. Tatsächlich fürchte ich mich bis heute im Dunklen, und das ist gut so, das würde ich nicht missen wollen.

Beide Genres werden oft nicht als „richtige Literatur“ bezeichnet. Was ist deine Meinung dazu?

Es gibt keine richtige und falsche Literatur. Kunst hat keine Aufgabe, keine Bedingung. Literatur hat keine Gattungsdefinition, außer vielleicht, dass sie gelesen werden kann, und selbst darüber wäre ich bereit, zu streiten. Ich respektiere, dass es Leute gibt, die solche Definitionen brauchen – entweder für ihr eigenes Wohlbefinden oder beruflich –, aber in meinen Augen schießt das an den wichtigen Aspekten vorbei. „Das ist keine echte Literatur“ ist umgekehrt schlicht und ergreifend keine echte Kritik. Meistens wollen solche Definitionen in die Tiefe, glauben sich auch dort, kratzen dabei aber nicht einmal an der Oberfläche. Sie verfehlen einfach das Thema.

Wann und wie hast du das Schreiben für dich entdeckt?

Ich glaube, zu schreiben macht mir Spaß, seit ich es gelernt habe einfach Wörter auf Papier zu bringen, zu Sätzen zu verbinden. Konkrete schriftstellerische Projekte verfolge ich, seit ich dreizehn bin. Angefangen hat’s mit Fantasy – ich war meine ganze Kindheit lang süchtig nach Märchen, und zu Beginn meiner Jugend hat „Harry Potter“ mir dann den Rest gegeben: Ich war verliebt, und das meine ich wörtlich, auch wenn’s Bücher sind. Seitdem ist mir eigentlich klar, dass es für mich keinen anderen Pfad gibt als Schreiben, als Geschichtenerzählen – ich kann sonst nichts und ich will sonst nichts. Fantasy-Reihen zu schreiben war recht lang mein erklärtes Ziel, und ich arbeite immer noch auch an Fantasy-Projekten. Aber irgendwann habe ich erkannt, dass das meiste, was mir an „Harry Potter“ so gefallen hat, gar nicht genrespezifisch ist, sondern zur mehrdimensionalen Kunst des gelungenen Schreibens gehört. Daraufhin habe ich mein Repertoire erweitert, und erst dann, sehr lange nach meinen ersten Schreibversuchen, haben sich erste kleine Erfolge eingestellt. (Vielleicht maßgeblich an diesem Entwicklungsschritt beteiligt war der Umstand, dass ich den letzten „Harry Potter“-Band erschreckend misslungen fand. Das hat damals mein Herz gebrochen. Verliebt bin ich trotzdem noch.)

Warum schreibst du? Haben deine Geschichten eine Botschaft?

„Botschaft“ ist eines von diesen Dingen, die Künstlerinnen und Künstlern so gerne unterstellt werden. Ein fürchterliches Wort, in diesem Kontext. Das soll nicht gemein sein – ich verstehe die Frage und weiß, warum du sie stellst. Nein, meine Geschichten haben keine inhärente Botschaft, ich verfolge mit ihnen auch kein politisches oder ideologisches Ziel. Ich erzähle Geschichten. Ich will schreibend vor allem eines erreichen: der Geschichte, die geschrieben wird, gerecht zu werden. Alle relevanten Botschaften, die vielleicht in ihr stecken, entstehen erst, wenn die Geschichte in den Dialog mit einer Leserin oder einem Leser tritt. Klar denke ich mir dieses oder jenes, während ich schrei- be, aber ich will dieses und jenes niemandem beibringen oder vermitteln. Was ich vermitteln will, steht schwarz auf weiß und ist fiktional.
Es gibt aber auch Ausnahmen, die wohl meiner philosophi- schen Ausbildung geschuldet sind. Da verschriftliche ich dann aber auch nicht „meine Botschaft“, sondern verdichte („mache zur Dichtung“) zum Beispiel philosophische Positionen, die ich manchmal teile, manchmal überhaupt nicht teile. Letzteres macht mehr Spaß. Ironie ist einfach was Schönes. (Mein Text
„Das Mann“, den ihr in dieser Ausgabe abdruckt, wäre ein Beispiel dafür.)

Gibt es in Wiener Neustadt eine lokale Autorenszene und wie ist es Schriftsteller hier zu sein?

Es gibt einige Autorinnen und Autoren in Wiener Neustadt und Umgebung! Der Club Poesie ist ein stadtbekannter Kreis fabelhafter Künstlerinnen und Künstler, deren Lesungen immer gut besucht sind. Und die Kulturinitiative glashaus, mit denen ich Stücke schreibe, hat neulich einen Theaterwettbewerb veranstaltet, für den uns einige tolle Arbeiten erreicht haben. Ich bin sicher, dass es in dieser kleinen Stadt noch viel mehr Talent gibt, von dem ich nicht das Geringste weiß. Ich bin für sowas leider ein bisschen die falsche Ansprechperson – ich hatte es nie so mit Vernetzung oder Interessensgruppen. Manchmal erlebe ich es sogar als kontraproduktiv, mich zu intensiv mit anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern zu umgeben. Das Schreiben verfolgt mich ohnehin Tag und Nacht! An anderen Leuten interessiert mich ihr Anderssein, beim Socialising erlebe ich gerne Neues, Fremdes, dem ich im Alltag oder allein nicht so schnell begegne. Da kommen Erfahrungen her, über die es sich zu schreiben lohnt!

Wie schaut dein Ablauf/Prozess beim Schreiben aus, bis die Geschichte komplett fertig ist?

Das kann ganz unterschiedlich sein. Viele Ideen – ich denke, die besten – überfallen mich aus dem sprichwörtlichen Nichts, und das fast vollständig. Dann wird erstmal fleißig notiert, versucht, möglichst alle Gedanken und Bilder festzuhalten. Es wird gekritzelt und gezeichnet, gelacht und geweint, zu viel geraucht (bitte fangt nicht an zu rauchen) und Kaffee getrunken. Das Schreiben selbst erfordert manchmal sehr viel Disziplin, manchmal aber läuft es über lange Strecken wie von selbst. Bei anderen Projekten kenne ich zu Beginn vielleicht nur einen Satz, vom Anfang oder vom Ende, und ich tippe den ins Dokument und schreibe dann ganz frei darauf zu oder davon weg. Oder ich glaube zuerst, der Satz stünde am Ende, aber später findet er sich plötzlich mittendrin wieder, umgeben von einer Geschichte, von der ich gar nicht wusste, dass es sie gibt. Oder ich dachte, es ginge hauptsächlich um diesen einen Satz, aber am Schluss steht er gar nicht mehr im Text. So oder so, nachdem der vielseitige und wechselhafte Schreibprozess erledigt ist – manchmal nach einer Woche, manchmal nach einem Jahr –, wird normalerweise editiert und lektoriert und überarbeitet. Dann erst zeige ich ihn anderen, oder schicke ihn an Verlage oder Magazine.

Wer ist dein Lieblingsautor oder Vorbild? Welchen Schriftsteller würdest du gerne kennenlernen?

Vorbild habe ich eigentlich keines, und das ganz bewusst. Jemandem nachzustreben, sein zu wollen wie jemand anderes, ist, glaube ich, keine zweckmäßige Methode, um ein authentischer Künstler, eine authentische Künstlerin zu werden. Zumindest ab einer gewissen Stufe – zu Beginn, beim Wagen der ersten Schritte, ist es vielleicht nicht nur gewinnbringend, sondern unausweichlich, sich an einem Idol zu orientieren. In dem Sinn war mein großes Vorbild wohl J. K. Rowling! Mein aktueller Lieblingsautor ist Stephen King. Beide wären spannende Bekanntschaften, denke ich. Aber bei einer Begegnung mit King hätte ich wahrscheinlich ein bisschen Angst, dass er mir sagt, meine Horrorgeschichten seien schlecht – ich kann mir vorstellen, dass er sehr kritisch ist. Zurecht!

Welche Tipps würdest du zukünftigen Jungautoren auf den Weg mitgeben?

Schreibt. Hört nicht auf damit. Wenn ihr doch aufhört damit, fangt irgendwann wieder an damit. Glaubt an euch. Und lest möglichst viel. Das sind wirklich die einzigen Ratschläge, die ich sinnvoll finde. Alles andere ist Geschmackssache.

Foto: Albert Blazek

FACTS:
Name: Thomas Kodnar
Alter: 28
Geburts- und aktuell auch Wohnort: WienerNeustadt
Ausbildung: Matura am BG Babenbergerring 2010, Philosophiestudium an der Universität Wien (Master of Arts)
Beruf: Assistenztätigkeiten und Office Management in einer Agentur/ Vertriebsfirma
Preise/Auszeichnungen: 2015 ForumLandLiteraturpreis, Kategorie JungeAutoren
Link:www.thomaskodnar.at

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