Graffiti-Künstler//“Ich dachte es ist eine eigene Sprache, die ich lernen muss“

Der Sprayer | Für unsere Kultur-Klette wollten wir auch das Thema „Street Art“ nicht außer Acht lassen. Eine der bekanntesten Kunstformen der Straße ist Graffiti. In Wiener Neustadt gibt es leider keine freien Flächen wie in anderen Städten, auf denen man legal sprayen könnte. Aber dennoch gibt es Sprayer. Wir haben einen getroffen, der schon lange in der Szene ist, aber lieber unerkannt bleiben will.

Von Celina Dinhopl

Mit 13 Jahren kommt ein Junge aus Wiener Neustadt zum ersten Mal in Kontakt mit Sprayern und fängt selbst an zu zeichnen. Erste „Sketches“- also Entwürfe – entstehen am Papier. Auch die „großen“ Sprayer haben oft ein eigenes „Sketchbook“, in dem sie ihre Ideen sammeln und ausarbeiten. Der Junge ist fasziniert und will auch Graffiti-Künstler werden. Seine ersten Graffiti-Gehversuche macht er, wie viele am Anfang, mit Buchstaben und Schriftzügen. „Characters“ (zu Deutsch „Gesichter“) kommen erst später dazu. Zur Inspiration fährt er immer wieder mit dem Rad durch Wiener Neustadt und Wien um die Werke anderer Sprayer zu studieren und besorgt sich einschlägige Magazine. Schon damals lernt der angehende Sprayer einen anderen jungen Graffiti-Nerd kennen. Unter den Künstlernamen „37“ und „Mike Hotel“ machen sie heute noch gemeinsam Projekte.

Der Künstler, der auch hier nur unter dem Namen „37“ aufscheinen will, hat sich schon in seiner Kindheit für Graffiti-Kunst begeistert, die er beim Radfahren in den Unterführungen bestaunte. „Ich dachte früher, dass es eine eigene Sprache ist, die man lernen muss.“ Er wollte damit nie gegen etwas rebellieren, vielmehr interessierte ihn die Kunst an sich. Aufgrund seiner vielen Interessen war das mit dem Graffiti aber immer ein „Auf und Ab“ in seinem Leben. Seit 2017 widmet er sich wieder intensiver seinen Kunstwerken.

Zu seinen Anfangszeiten gab es noch keine legalen Flächen in Wiener Neustadt, auf denen man zeichnen durfte, so der Künstler. Daher suchten er und seine Freunde Stellen, an denen das Vorhandensein eines „Pieces“ nicht störte. Ihm war es immer wichtig, dass er keinem damit „wehtut“, daher bemalte er keine Hausmauern, Kirchen, Züge und so weiter. Von der Polizei wurde er nie erwischt und darüber ist er auch sehr froh, das kann nämlich ganz schön teuer werden.

Sprayen in Neustadt
Anfang der 2000er hatten sein Kollege und er bei der dama- ligen Bürgermeisterin Traude Dierdorf nach einer legalen Fläche angefragt – und bekamen von ihr tatsächlich 1000 Schilling und eine Wand: Die Fußgänger-Unterführung vom Stadtpark zum Gerichtsgebäude am Maria Theresien-Ring bot ihnen damals die Möglich- keit, sich ohne Probleme auszutoben. Nur ein paar Mal gab es ein wenig Ärger mit der Polizei, die nicht zu wissen schien, dass es eine legale Fläche war.

„Heute zeichne ich nicht mehr an öffentlichen Plätzen, weil einem andere oft in die Kunst reinschmieren. Man steckt da so viel Liebe und Energie rein, nur damit am nächsten Tag etwas reingekritzelt ist.“ Dafür tobt er sich der Künstler heute in seinen eigenen vier Wänden aus. Dennoch: Für ihn zeichnet sich Graffiti vor allem auch durch die Illegalität aus. Durch den Stress erwischt zu werden,muss das „Piece“ gleich beim ersten Versuch passen.

Innerhalb der Community gibt es eine große Diskrepanz darüber, was zu Graffiti zählt. Für viele ist das „Writing“ (zu Deutsch das „Schreiben“) das einzig wahre Graffiti, Zeichnungen zählen für sie nicht dazu. Für „37“ hingegen hat alles seine Berechtigung. „Es ist so pur und roh. Für viele muss Graffiti auf der Straße sein, denn sonst ist es nicht real. Es kommt ja aus dem Hip-Hop und da ist die zentrale Frage ‚Bist du real, bist du nicht real?‘ Aber ich find alles geil.“

Auftragsarbeit
Für die Auftragskunst mussten er und sein Kollege anfangs selbst aktiv nach Aufträgen suchen. „Es kommt aber relativ schnell, dass die Leute etwas von dir wollen, sie wollen aber nichts zahlen.“ Für ihn ist klar, dass er nur Zeichnungen macht, wenn er Bock darauf hat. Daher ist er froh, dass er auch einen „normalen“ Job hat und daher Graffiti-Kunst nur freiwillig und kostenlos macht. Für die Zukunft wünscht er sich jedoch, seine Zeichnungen auch verkaufen zu können.
Sehr stolz macht ihn das Werk, das er vor Kurzem für die Feuerwache Hernals in Wien gezeichnet hat, für das er aufgrund der vielen Details insgesamt ein Jahr lang brauchte.

„Für die Zukunft möchte ich einfach in die Kunstschiene und das machen, worauf ich Lust habe. Übung macht den Meister und ich weiß, dass ich noch zu wenig mache, um richtig gut zu sein. Zudem ist es in der Szene wichtig, seine Legitimität zu bekommen, um richtig erfolgreich zu werden.“ #

FACTS:
Künstlername: 37
Alter: 36
Wohnort: Wiener Neustadt
Berufung: Graffiti-Künstler
Ausbildung: gelernter Fitnesstrainer
Link: IG/threeseven.official

Fotos: Fotolinsal Photography

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