Nachgefragt//Von Gebärdensprache profitiert jeder

Von Stefanie Marek

Nachgefragt / Lily Marek (23) ist spätertaubt. Auf ihrem YouTube-Kanal postet sie seit kurzem regelmäßig persönliche Videos zum Thema Gebärdensprache und Gehörlosigkeit und engagiert sich bei der Jugendkommission des Österreichischen Gehörlosenbundes.

Warum hast du beschlossen, einen YouTube-Kanal zu machen? Worum geht es in den Videos?
Es gibt sehr wenige gehörlose YouTuber. Ich mache gerne Videos und habe mir gedacht, ich will sie gerne mit der Welt teilen. Meine Videos sollen zeigen, dass wir Gehörlose eigentlich genauso normal wie Hörende sind. Ich nehme einerseits Video über meinen Lebensstil auf und andererseits möchte ich Bewusstsein für unsere Gehörlosen-Welt schaffen. Ich möchte Fragen, Besonderheiten, Vorurteile oder Verwirrungen aufklären, die Hörende womöglich über uns haben. Ich möchte auch unsere Sprache und Kultur verbreiten und Neugierde in den Leuten wecken, sich diese mal anzuschauen.

Wie ist die Situation für gehörlose junge Menschen wie dich, die vor allem in Österreich in ländlichen Gebieten leben? Was gibt es, was fehlt und was sind deine Ideen dazu?
Am Land sind Gehörlose oft alleine und haben keine Peer-Gruppen. Es gibt auch weniger Angebote für Gehörlose als in der Stadt. Oft finden diese erst als Jugendliche oder junge Erwachsene die Gehörlosen-Community und das ist manchmal auch ihr erster Kontakt zur Gebärdensprache. Freundschaften zu anderen Gehörlosen zu schließen ist oft schwieriger im Erwachsenenalter, als wenn man zum Beispiel in dieselbe Schule gegangen oder gemeinsam aufgewachsen ist und so eine starke Identität aufbauen konnte. Ich bin vor kurzem der Jugendkommission des ÖGLB (Österreichischer Gehörlosen Bund) beigetreten (siehe Infobox). Das ist eine Gruppe von Jugendlichen, die Veranstaltungen, Workshops, Spieleabende und Vorträge für gebärdensprachige und gehörlose Jugendliche organisiert. Ich möchte einfach, dass gehörlose Jugendliche einen sicheren Ort haben, an dem sie sich mühelos austauschen und lernen können.

Du bist spätertaubt. Was bedeutet das und was heißt das für deinen Alltag?
Spätertaubt bedeutet, dass man nach dem Abschluss des Lautspracherwerbs, also nach dem Alter von fünf oder sechs Jahren sein Gehör verliert. Meine Geschichte ist sehr kompliziert, da ich fluktuierenden progressiven Hörverlust habe, der sich kurzweilig schon im Kindergarten bemerkbar gemacht hat, mich aber nie vom Lautspracherwerb abgehalten hat. In der Oberstufe bemerkte ich immer öfter, dass ich etwas nicht mitbekam und ich mir sehr schwertat, Gesprächen zu folgen. Mein Hörtest zeigte, dass ich schon die längste Zeit von Hörgeräten profitieren hätte können. Die genauen Ursachen für den schwankenden Hörverlust kenne ich nicht. Aber für mich spielt der Grund keine Rolle, da es an der Tatsache ja nichts ändert. Mittlerweile ist die Lautsprache für mich nicht mehr hörbar und ich fühle mich in meiner stillen Welt wohler, als dauernd Geräuschen mit dem Hörgerät ausgesetzt zu sein. Es ist allein meine Entscheidung, ob ich Hörgeräte benutzen will, ob ich meine Stimme benutzten will, oder nicht. Niemand darf für mich entscheiden. Meine Hauptsprache ist nun die Österreichische Gebärdensprache und ich fühle mich dabei sehr wohl. Selbstakzeptanz ist am wichtigsten. Alle Personen in meinen Leben, die mir nahestehen, haben angefangen die Gebärdensprache zu lernen und mich und meine Kommunikationswahl akzeptiert. Damit habe ich mehr Entgegenkommen, als die meisten Gehörlosen in ihren Familien.

Welche Rolle spielt ÖGS in deinem Leben?
ÖGS ist mein Leben. Ohne diese Sprache und die Community könnte ich mir mein Leben nicht mehr vorstellen. Diese visuelle Sprache, die Kultur und die Community haben mir von Anfang an so viel gegeben, dass meine Perspektive über den Verlust meines Gehörs sich sehr schnell zu „Deaf Gain“ (eine Bereicherung) umgewandelt hat. Ich hatte anfangs Angst, ob ich in der Gehörlosen/Gebärdensprach-Community akzeptiert werde. Ich hatte sehr viele Selbstzweifel, die von der Community aber bis dato noch nie bestätigt worden sind.
Ich unterrichte außerdem die Österreichische Gebärdensprache in Wien. Ich muss dazu sagen, dass es in Österreich viele Dialekte in der Gebärdensprache gibt und ich unterrichte den Wiener Dialekt. Ich habe in der Equalizent Schulungs- und Beratungs GmbH in Wien die Ausbildung zur Gebärdensprachpädagogin gemacht und im Anschluss gleich angefangen zu arbeiten. Ich habe einfach Spaß daran, mein Wissen über die wunderschöne Sprache und Kultur weiterzugeben und dabei viele neue Menschen kennenzulernen.

Was sind wichtige Dinge, die die Leute über Gehörlosigkeit und Gebärdensprache wissen sollten?
Gehörlos bedeutet nicht unbedingt, dass man gar nichts hört. Manche Gehörlosen können bestimmte Geräusche wahrnehmen oder haben Hörhilfen. Die Gehörlosencommunity ist so divers und das ist das Schöne daran. Es gibt Gehörlose, die so geboren sind und andere, die spätertaubt sind, gehörlose, die gebärden oder in Lautsprache reden oder Lippenlesen können. Alle sind willkommen. Gehörlosigkeit ist außerdem stark mit der Identität verbunden. Leider haben die meisten nicht das Privileg mit Gebärdensprache aufzuwachsen. Weil es immer noch viele Vorurteile gibt, wie etwa, dass die Gebärdensprache den Lautspracherwerb behindert. Es ist aber wissenschaftlich bewiesen, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Gebärdensprachen sind natürlich entstandene Sprachen mit eigener Grammatik, Syntax und Regeln. Gebärdensprache ist nicht universell, jedes Land hat seine eigenen Gebärdensprachen und Dialekte.

Wie sollen Hörende am besten mit Gehörlosen umgehen?
Zum Umgang mit Gehörlosen möchte ich einfach sagen, wir sind Menschen genau wie ihr. Wir können alles, genau wie ihr, mit dem kleinen Unterschied, dass wir die Welt anders wahrnehmen und anders kommunizieren. Also keine Angst vor uns. Seid offen für andere Kommunikationswege, wie zum Beispiel das Aufschreiben auf Papier, Gestikulieren und am Handy zu tippen. Es sollte immer ein gegenseitiges Entgegenkommen sein. Nicht erwarten, dass alle Gehörlosen Lippenlesen können. Maximal 30 Prozent vom Gesagten kann an den Lippen und der Mimik abgeschaut werden, der Rest muss mühsam erraten werden.

Gibt es noch etwas, das du gerne sagen willst?
Ich möchte sagen, dass jeder von der Gebärdensprache profitiert. Ist man in einer lauten Umgebung oder in einer sehr leisen, zum Beispiel in der Bibliothek, hat man trotzdem eine Kommunikationsmöglichkeit. Ist man weit voneinander entfernt, oder durch Glasscheiben getrennt, Unterwasser, oder hat gerade einen vollen Mund, ist die Gebärdensprache ebenso anwendbar. Das räumliche und bildliche Denken wird außerdem geschult, da Gebärdensprache ja eine dreidimensionale Sprache ist.

Factbox:
Name: Lily Marek
Alter: 23
Aus Wiener Neustadt, wohnt jetzt in Raglitz
Beruf: Gebärdensprachpädagogin an der Uni Wien und am Sprachzentrum Wien
Instagram:
@lilys_deaf_life
@oeglb_jugend
Youtube: Lily’s Deaf Life

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