Kommentar der Redaktion//Wir sind nicht unsere Leistung.

von Stefanie Marek

Man lernt nicht für die Schule, man lernt für das Leben! Eine abgedroschenere Phrase findet man im deutschen Sprachraum wahrscheinlich kaum, wahrscheinlich auch keine zweifelhaftere. Denn die Wirklichkeit sieht anders aus: Wir lernen in der Schule ausschließlich für die Schule und eben nicht fürs Leben. Das zeigt schon die Wichtigkeit von Zeugnisnoten, die schon in der Volksschule über unsere Zukunft entscheiden.


Wir lernen vorrangig nicht auf Verständnis, wir lernen, um nicht durchzufallen, oder um eifrig zu zeigen, wie gut wir die Erwartungen erfüllen können, die an uns gestellt werden, egal ob diese Erwartungen sinnvoll oder berechtigt sind. Von klein auf bekommen wir eingetrichtert: Du zählst, du bist gut, wenn deine Leistung stimmt, dann, wenn du Einser und Zweier schreibst, dann wenn du die Matura, die Lehrabschlussprüfung, die Uni schaffst, dann wenn du arbeitest, dann wenn du lieferst! Im Wissenschaftssprech nennt man das „Meritokratie“. Die Meritokratie erzählt das Märchen, das man in unserer Gesellschaft unabhängig von sozialer Herkunft, sexueller Orientierung, Hautfarbe, Religion oder Geschlecht alles erreichen kann, wenn man sich nur anstrengt und leistet.
Im Umkehrschluss heißt das: Wer nicht liefert, also Erwartungen nicht ausreichend erfüllt, der ist in dieser Gesellschaft weniger wert. Denn es ist ein fairer Wettbewerb. Wir haben ja alle die gleichen Chancen. Falsch, die haben wir eben nicht. Soziale Herkunft, sexuelle Orientierung, Hautfarbe, Religion oder Geschlecht bringen in unserer Gesellschaft ziemlich unterschiedliche Startbedingungen mit sich, egal was wir angehen, auch wenn das nicht so sein sollte.


Wir glauben trotzdem an das Märchen der Meritokratie, unsere Politik glaubt daran und unsere Wirtschaft, und das macht es so mächtig, auch wenn es nicht mehr als das ist: ein Märchen eben. Weil wir daran glauben, fühlen wir uns dumm, schlecht, weniger wertvoll, wenn wir es einmal nicht schaffen Erwartungen zu erfüllen, wenn wir durchfallen, verlieren, arbeitslos werden, eine Absage nach der anderen beim Bewerbungsschreiben bekommen. Wir hätten uns ja nur mehr anstrengen müssen. Wir sind scheinbar nicht gut genug. Es ist wohl unsere Schuld. Falsch, das ist es eben nicht.


Wir sind keine Maschinen, die man reparieren oder aussortieren muss, wenn sie nicht effizient genug arbeiten. Wir sind nicht unsere Leistung. Wir sind so viel mehr. Ganz ohne etwas tun zu müssen sind wir wertvoll. Wir haben die Wahl ob und was wir tun. Tun wir das Richtige und fühlen wir uns nicht schlecht, wenn wir einmal gar nichts tun, wenn wir mal nicht leisten. Wenn das Leben ein Wettbewerb ist, dann gönnen wir uns eine Pause.

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