Investigativ-Journalismus//“Den Mächtigen auf die Finger schauen“

Geldwäsche, korrupte Politikerinnen, Scheinfirmen und geheime Informationen, die Insiderinnen an die Medien weitergeben. Durch genaue Recherche Missstände aufzeigen und Korruption anprangern – darum geht es im Investigativ-Journalismus. Aber nicht nur. Denn diese Art des Journalismus ist vielseitig und vor allem eines: Arbeit. Und die findet trotz allem Nervenkitzel oft ganz unglamourös hinter dem Schreibtisch, am Telefon und im Archiv statt. Wir haben zwei gebürtige Wiener Neustädter Investigativ-Journalist*innen gefragt, wie sie arbeiten und welchen Nutzen das für die Gesellschaft hat.

Von Stefanie Marek

Ein zufälliger Datenleak, anonyme Hinweise und Georg Eckelsberger und seine Kolleginnen halten plötzlich einige Namen und Kontonummern in den Händen. Der „Spur des Geldes“ zu folgen, um an Informationen zu kommen, lohnt sich im Journalismus oft. In diesem Fall ist es russisches Schwarzgeld, rund vier Millionen Euro, die über Moskau und London schließlich nach Österreich fließen. Die Journalistinnen recherchieren und werden fündig. Ein Teil des Geldes landet auf Konten eines pensionierten Ehepaars in Niederösterreich. Jetzt heißt es hinfahren, sich von dem scharfen Hund im Garten nicht abschrecken lassen, anzuläuten und zu schauen, ob die Leute reden wollen. „Das sind die spannenden Momente, in denen man nicht weiß, was passieren wird“, erzählt Georg Eckelsberger, der stellvertretende Chefredakteur der Rechercheplattform Dossier.

Investigativ-Journalist. Seinen Beruf möchte der 35-Jährige nicht als spektakulär darstellen. Das Spektakuläre sei eher die Ausnahme, sagt er. Er verbringt viel Zeit damit, Hinweise zu finden und zu überprüfen, Thesen aufzustellen, zu telefonieren, Daten auszuwerten und zu vergleichen. Aufklären konnten er und seine Kolleg*innen den Geldwäsche-Fall, der mehrere Jahre zurückliegt, letztendlich nicht ganz. Reden wollte das Ehepaar nicht.

Dass eine Geschichte am Ende nicht vollständig aufgelöst werden kann, ist im investigativen Journalismus nicht ungewöhnlich. Gründe dafür, gibt es viele. Das sagt auch Ulla Kramar-Schmid (55), die den Bereich Investigative Recherche beim ORF-Fernsehen leitet: „Manchmal rennt man mit Recherchen gegen die Wand, weil es noch nicht an der Zeit ist, weil die Leute nicht reden, weil noch Informationen fehlen. Dann legt man sie zur Seite. Aufgeben sollte man die Geschichten aber nicht.“

Investigativer Journalismus live und in Farbe
Investigative Recherche ist Teamarbeit, auch zwischen verschiedenen Medien und länderübergreifend. Schließlich machen Wirtschaft, Politik und Verbrechen auch nicht vor Grenzen halt, wie die Geldwäsche-Geschichte zeigt. Teamarbeit ist aber auch aus Zeitgründen wichtig. Wer wie Ulla Kramar-Schmid tagesaktuell arbeitet, hat in der Regel wenig Zeit, um über ein Thema zu berichten. Der jeweilige Beitrag muss meist noch am selben Tag fertig sein, damit er am Abend im Fernsehen gezeigt werden kann. „Wenn ein Thema aufpoppt, hebe ich am ersten Tag keine großen Geheimnisse“, erzählt Ulla. „Ich muss den Menschen erst einmal erklären was passiert ist. Die Nachricht muss raus und erst dann kann ich tiefer recherchieren und die Geschichte aufdröseln.“

Bei Dossier ist das anders. Das Printmagazin erscheint ein paar Mal im Jahr, Georg Eckelsberger und seine Kolleg*innen haben mehrere Wochen oder Monate Zeit für ihre umfassenden Recherchen. „Für Dossier ist investigativer Journalismus weniger Enthüllungs-Journalismus und mehr untersuchender Journalismus. Bei uns geht es darum, bestimmte Themen und Systeme zu untersuchen, auf eigene Faust Fragen zu stellen und sie zu beantworten“, sagt Georg. Zuletzt hat Dossier etwa den Red Bull Konzern unter die Lupe genommen und dessen Tätigkeiten und Produkte kritisch von verschiedenen Seiten beleuchtet. Beliebt macht man sich mit dieser Arbeit jedenfalls nicht.

Good cop, bad cop?
Journalist*innen müssen sich generell oft den Vorwurf gefallen lassen, sie würden auf Teufel komm raus nach Skandalen suchen und ihre Nasen in fremde Angelegenheiten stecken. Vor allem den sogenannten „Mächtigen“ ist ihre Arbeit ein Dorn im Auge. Trotz ihrer unterschiedlichen Arbeitssituationen sind sich Georg Eckelsberger und Ulla Kramar-Schmid jedoch einig: Der (investigative) Journalismus ist wichtig für die Gesellschaft.

„Wir sind dafür zuständig, Informationen zu beschaffen und sie einzuordnen. Was stimmt und was stimmt nicht? Menschen mit anderen Jobs haben nicht die Zeit, alles selbst zu recherchieren. Das übernehmen wir und ermöglichen so einen öffentlichen Diskurs“, sagt Georg Eckelsberger. „Gerade in der aktuellen Situation ist es absolut wichtig, dass Journalisten und Journalistinnen ihre Arbeit machen und sich anschauen, was die Mächtigen tun. Was momentan in Österreich passiert, dass etwa der Innenminister kritischen Bürger*innen mit Klage droht, könnte man schon fast autoritär nennen, Stichwort: Message Control. Unsere Politik hat ein großes Interesse daran, zu kontrollieren, was die Menschen glauben sollen. Journalismus kann da ein Gegengewicht sein.“

Spuren und Hinweise verfolgen, Informationen beschaffen, die andere geheim halten wollen und der Gesellschaft einen Dienst erweisen. Sind also Investigativ-Journalistinnen so etwas wie Detektivinnen? Nein, sagt Ulla Kramar-Schmid: „Dazu fehlen uns die Mittel, die Detektive haben. Wir können keine Hausdurchsuchungen machen, uns gegenüber ist niemand verpflichtet, die Wahrheit zu sagen. Wir können nur so weit berichten, wie wir Informationen heben und Fakten zusammensuchen können. Manchmal gelingt es uns, bestimmte Dinge herauszufinden und manchmal nicht. Man hebt nicht jeden Tag die großen Edelsteine.“

Irgendwo dazwischen: Die österreichische Situation
Das Pressefreiheitsranking des Vereins „Reporter ohne Grenzen“ stellt Österreich kein gutes Zeugnis aus. Nachdem Österreich einige Jahre weltweit auf Platz 11 lag, rutschte es 2019 auf Platz 16 und 2020 auf Platz 18 ab – die schlechteste Platzierung seit Messbeginn vor fast 20 Jahren. Österreich zählt damit nicht mehr zu den Ländern mit guter Pressesituation.
Wie schwer oder leicht es investigative Journalist*innen in Österreich haben, wenn sie an Informationen kommen wollen? „Das ist eine Frage des Vergleichs“, sagt Georg Eckelsberger. „Es ist leichter als in Russland, wo man als kritischer Journalist vielleicht eingesperrt und vergiftet wird und schwerer als in den USA, weil dort der Zugang zu Informationen leichter, die Branche etablierter und der Markt größer ist. Irgendwo dazwischen liegt Österreich.“

Ein großes Hindernis beim Versuch Informationen zu bekommen: Das Amtsgeheimnis. Österreich ist das einzige EU-Land, in dem es noch gilt. Durch diese Verschwiegenheitspflicht von Amtsträgerinnen ist es bisher schwer, als Normalo an bestimmte Informationen zu kommen, zum Beispiel an die Information welche Unternehmen wie viele Corona-Hilfsgelder bekommen haben. „Personen im Amt glauben, die Informationen gehören ihnen und Journalistinnen sind die Bittsteller, die begründen müssen, warum sie diese Informationen bekommen dürfen. Aber eigentlich sollte es umgekehrt sein“, sagt Georg Eckelsberger. Das Amtsgeheimnis soll nun nach jahrelanger Forderung abgeschafft werden (der Gesetzesentwurf dazu ist momentan in Begutachtung). Das würde auch die Arbeit der Journalist*innen wesentlich einfacher machen, so Ulla Kramar-Schmid.

Trotz noch bestehendem Amtsgeheimnis und anderen Geheimhaltungsmaßnahmen in Politik und Wirtschaft ist aber Fakt: Manche reden trotzdem und geben aus verschiedensten Gründen Informationen an Medien weiter. Rechtlich dürfen die Medien sämtliche Informationen verwerten, die sie bekommen. Diejenigen, die ihnen diese Informationen zuspielen, können sich aber strafbar machen. Eine eiserne Regel in der Branche: „Niemals den Informanten verraten!“, sagt Ulla. Die Identität ihrer Informant*innen müssen Medien gegenüber Behörden nicht preisgeben. Dafür sorgt das Redaktionsgeheimnis (Paragraph 31 Mediengesetz). Das stellt sicher, dass Medien ihre Arbeit machen können: Informationen im Interesse der Gesellschaft öffentlich zu machen.

Medienkrise: Der Journalismus in Bedrängnis
Ihre Arbeit zu machen wird für Menschen in der Medienwelt jedoch zunehmend schwieriger. Vor allem der investigative Journalismus ist aus ökonomischen Gründen in Gefahr, sagt Georg Eckelsberger: „Gerade lange, tiefergehende Recherchen will sich in der Medienbranche niemand mehr leisten.“ Weltweit gesehen stimmt das, beschleunigt wird das vor allem durch die Corona-Krise.

Eine gute Nachricht gibt es aber: Laut dem Forschungsprojekt „Media for Democracy Monitor 2020“ ist der Wert des investigativen Journalismus in Österreich in den letzten zehn Jahren gestiegen. Die finanziellen Ressourcen für diese Art von Journalismus sind 2019 im Vergleich zu 2009 mehr geworden, mehr Journalistinnen arbeiten investigativ als noch vor zehn Jahren. Das Problem daran: Gleichzeitig arbeiten immer weniger Journalistinnen in Redaktionen, weniger Menschen teilen sich mehr Arbeit. Hierzulande arbeiten laut „Österreichischem Journalismus Report 2020“ rund 5.300 Menschen im Journalismus, dazu kommen einige hundert Freiberufliche (also jene, die nicht in einer Redaktion angestellt sind). Insgesamt sind das um ein Viertel weniger als noch im Jahr 2006 und der Trend geht weiter nach unten.
Trotz Medienkrise und der ständigen Beschäftigung mit Korruption sehen aber weder Ulla Kramar-Schmid, noch Georg Eckelsberger die Welt als besonders negativen Ort. „Wir berichten über reale Politiker*innen und Firmen, die haben ihre positiven und negativen Seiten“, sagt Georg. „Wir haben zwar schon die Rolle der Watch Dogs, die den Mächtigen auf die Finger schauen, aber ich habe nicht den Eindruck, dass die Welt ein schlechter Ort ist. Ich glaube, dass die meisten im Grunde etwas Gutes wollen und manche geraten auf die schiefe Bahn.“
Ulla und Georg arbeiten heute beide in Wien (wie übrigens 56% aller im österreichischen Journalismus Beschäftigten), auf ihre Heimatstadt Wiener Neustadt haben beide noch ein Auge.

FACTS zu Georg:

Geboren in Wiener Neustadt 
NÖN Wiener Neustadt 
Journalismusstudium FH Wien 
War als freier Journalist tätig für 
Magazin „Red Bulletin“ 
Magazin „Buisness Punk“ 
Monatsmagazin „Datum“ 
Wochenzeitung „Falter“ 
Stv. Chefredakteur „Dossier“ 
Twitter: @g_eckelsberger 

FACTS zu Dossier:
„Dossier“ ist eine unabhängige und gemeinnützige Redaktion, die investigativen und Datenjournalismus betreibt und fördert. Die Artikel erscheinen auf der Website und seit 2019 in Österreichs erstem werbefreien Printmagazin für investigativen Journalismus, dem DOSSIER-Magazin. 
Gegründet 2012 
Website: http://www.dossier.at 
Twitter: @dossier_ 
Instagram: @dossier_at 

FACTS zu Ulla:
Geboren in Wiener Neustadt 
NÖN Wiener Neustadt 
Arbeiter-Zeitung (AZ) 
1991-1997 Tageszeitung „Kurier“ 
1998-2015 Nachrichtenmagazin „profil“ 
Seit 2015 beim ORF: 
Redakteurin bei der „ZiB2“ 
Leiterin Investigative Recherche 
Twitter: @ukschmid 


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