Selbstversuch//Clubhouse

Ich bin ganz ehrlich – ich will ein Hipster werden. Und ich glaube ich bin auf dem richtigen Weg. Wie ich zu diesem Schluss komme? Nun ja, ich trage 80er-Jahre Klamotten aus Second Hand-Läden, habe eine John Lennon-Brille, meine Handtasche wurde durch einen Jutebeutel ersetzt, all meine Elektrogeräte sind von Apple und ich grenze mich vom Mainstream ab, indem ich Indie-Musik aus Island höre. Ich mache außerdem Yoga und höre den ganzen Tag Podcasts. Klingt doch wie ein waschechter Hipster des 21. Jahruhunderts, oder? Zumindest dachte ich das – denn offensichtlich gehört seit einigen Monaten auch die Audio-App Clubhouse zum Profil eines hippen jungen Menschen. Und die scheint zwar sehr beliebt zu sein, aber auch stark kritisiert zu werden. Ich wollte mir das genauer anschauen.

Von Marie Hanakamp

Seriously – ich brauche eine Einladung?
„Mal eben eine App runterladen und los geht’s“ – Tja, zu früh gefreut, denn um die Applikation überhaupt benützen zu können, muss man erstens von jemandem eingeladen werden und zweitens ein iPhone besitzen. Mein erster Gedanke: „Ernsthaft? Ist das eine Studentenverbindung, wo nur eine Elite mit super teuren Handys eintreten darf?“. Iris, eine unserer Redakteurinnen, bietet mir ihre Hilfe an. Sie hat tatsächlich eine der begehrten Einladungen zugeschickt bekommen, besitzt aber kein iPhone. Meine Chance.

Kurz erklärt!
Bei Clubhouse geht es um die Stimme der Userinnen. Zu den unterschiedlichsten Themen gibt es sogenannte Räume. Das funktioniert so: Benutzerinnen eröffnet einen (privaten oder öffentlichen) Raum. Andere Personen können dann eintreten und sich an einem Gespräch beteiligen, oder auch einfach nur zuhören – es handelt sich also quasi um einen Live-Podcast. Moderatorinnen leiten das Gespräch, indem sie Personen zu Sprecherinnen machen (diese geben ein virtuelles Handzeichen, wenn sie etwas sagen wollen) und sie auf die „virtuelle“ Bühne holen beziehungsweise sie wieder davon entfernen. Im Unterschied zu anderen Social-Media-Kanälen gibt es hier aber keine Kommentar- oder Like-Funktion. Alles findet live statt – das Gesagte zurücknehmen? Nicht bei Clubhouse.

Bin drin und jetzt?
Als allererstes müssen noch Hobbies, Interesses und Co. eingegeben werden. Ist das erledigt, werden diverse Räume, genau auf meine Angaben zugeschnitten, vorgeschlagen. Ich stöbere erstmal ein bisschen. Von Fotografie, über Marketing-Strategien bis hin zu Lifestyle-Räumen – man findet hier zu fast allem einen Live-Podcast. Und wo bleibe ich hängen? Bei einer Diskussion über das britische Könighaus. Wer mich kennt, weiß, dass ich ein Quell des Wissens bin, was Celebrities und Royals betrifft. Da konnte ich also nicht widerstehen. Auf der Bühne in diesem Raum: unter anderem ein Bodybuilder als Moderator, eine 70-jährige Frau, die sich selbst als Adelsexpertin bezeichnet und ein junges Mädchen, das schon eine starke Meinung zu William, Harry und Co. hat. Ich geb’s nur ungern zu, aber mittlerweile sind zwei Stunden vergangen und ich bin noch immer gefesselt von dieser Konversation. Warum? Ich kann es gar nicht genau sagen, aber die Tatsache, dass immer wieder neue Leute auf die Bühne kommen und man verschiedenste Meinungen zu der Thematik hört, macht es für mich unglaublich spannend.

Woher kommt also der Hype?
Eines wird schnell klar: es entstehen die unterschiedlichsten Gesprächskonstellationen und es kann schnell passieren, dass du in einem Fotografie-Raum auf eine Fotografen-Legende triffst und ihr/ihm ganz einfach eine Frage stellen kannst. Natürlich ist das nur deswegen möglich, weil im Moment die User*innen-Zahl vergleichsweise noch recht niedrig ist. Der Networking-Charakter ist also ein Grund für die große Beliebtheit, stelle ich fest.

Kritik?
Ich muss zugeben – ich fühle mich besonders, weil ich jetzt eine Clubhouse-Userin bin. Ich fühle mich buchstäblich im „Club der Coolen“ aufgenommen. Und genau das wird verständlicherweise in den Medien stark kritisiert. Zudem werden zurzeit weder Inhalte kontrolliert oder korrigiert, Fake-News herausgefiltert oder der Datenschutz gesichert, noch ist die App für Gehörlöse geeignet. Mein Fazit also: leider diskriminierend und in vielen Bereichen noch ausbaufähig! Trotzdem – wer Fachwissen aus erster Hand erhalten will, sich mit den unterschiedlichsten Menschen über verschiedenste Themen unterhalten möchte oder auf Live-Podcasts steht, könnte die Fühler ausstrecken und versuchen eine Einladung zu ergattern.

Ein Tipp: Schaut euch auf Youtube „Clubhouse in Real Lift” von Late Night Berlin an. Dort erklärt Klass Heufer-Umlauf seinem Kollegen Jakob Lundt, wie genau die App funktioniert. Ein Lachanfall ist vorprogrammiert.

FACTS:  
Gegründet von dem Stanford-Absolventen und ehemaligen Pinterest-Mitarbeiter Paul Davison und dem ehemaligen Google-Mitarbeiter Rohan Seth. 
Seit Frühjahr 2020 ist die App im Apple-Store erhältlich. 
Nutzerzahl: Ende Dezember 2020 hatte die App 600.000 Nutzer. 
Fun Fact: sobald jemand zu sprechen beginnt, fängt er/sie höchstwahrscheinlich an mit „Ich bin da voll bei dir, aber…“  

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s