So sein wie sie: Wenn Depression romantisch wird

AnalyseSerien wie Skins oder 13 Reasons Why werden im Internet dafür kritisiert, psychische Probleme und den Umgang damit zu romantisieren und damit besonders junge Menschen negativ zu beeinflussen. Klette-Redakteurin Celina hat recherchiert und mit einem Jugendlichen gesprochen, der davon betroffen war.  

Von Celina Dinhopl 

Effy Stonem wirft ihren Bademantel in den Müll und enthüllt ihr Outfit für die Nacht. Sie ist vierzehn und schleicht sich abends raus um auf Partys zu gehen. Ob sie dabei nüchtern bleibt? Selbstverständlich nicht. Vor allem Drogen konsumiert die depressive Effy, bevor sie geheimnisvoll und erotisch ihren Kopf wie in Trance zur Musik bewegt.  

Über psychische Probleme soll man reden, das hat die Gesellschaft inzwischen gemerkt. Früher wurden Betroffene oft stigmatisierend in den Medien repräsentiert. Heute versucht man stückchenweise dem etwas entgegenzusetzen. Leider ist das nur teilweise erfolgreich oder sogar problematisch, wie das Beispiel von Effy Stonem aus der britischen Serie Skins zeigt. Blogger*innen und Youtuber*innen im englischen Sprachraum wie Savantics, Rachel Oates, Luke Alexander und Sarah Hawkinson kritisieren eine Kultur der „Romantisierung“ (das unangemessene Beschönigen bestimmter Sachverhalte) von psychischen Problemen wie Depressionen und Essstörungen in den Medien, vor allem in Filmen und Serien sowie in Sozialen Medien.  

Die schöne Traurigkeit 

Doch wie genau zeigt sich diese Romantisierung? Die „hässlichen“, oder besser gesagt: die alltäglichen Parts, die zu einer psychischen Krankheit wie Depressionen oder Essstörungen gehören, werden in diesen Darstellungen kaum gezeigt. Stattdessen wird eine interessante Scheinrealität aufgebaut, in denen wunderschöne und talentierte Charaktere durch ihre Depression oder ihre furchtbare Vergangenheit zu einem interessanten und mysteriösen Wesen werden. Daraus kreieren und posten manche Jugendliche, die sich darin wiedererkennen, Bilder, in denen die Person (meist ein Mädchen) weint und leidet, doch weiterhin oder gerade deswegen wunderschön aussieht.  

Neben Serien bilden sich auf Webseiten wie (früher) Tumblr und (heute) Instagram immer wieder Gruppen von Jugendlichen (besonders weiblicher Minderjährige), die melancholische Bilder miteinander teilen und diese mit vermeintlich depressiven und suizidalen Sprüchen wie „Ich werde nie genug sein“ oder „Nicht dünn genug“ versehen. Auf anderen Seiten findet man Anleitungen dafür, wie man „richtig“ essgestört ist oder Bilder, die eine körperhassende Selbstwahrnehmung durch Verherrlichung der Essstörung (meist Magersucht) unterstützen.  

Vorbild Substanzen-Missbrauch 

Trotz berechtigter Kritik handelt es sich dabei um ein Nischenphänomen, das man deswegen aber nicht weniger ernst nehmen sollte. Ein Profil auf Instagram und Co. zu haben, bedeutet nicht, massenweise von depressionsverherrlichenden Bildern überflutet zu werden. Teilweise müssen die Inhalte sogar aktiv gesucht werden, da Social Media-Plattformen teilweise aktiv gegen diese ankämpfen, indem sie zum Beispiel bekanntere Hashtags sperren lassen.  

Auch Louis (Name von der Redaktion geändert), ein 20-Jähriger Student aus Wiener Neustadt hat mit dem Thema Erfahrungen gemacht. Er hatte seine gesamte Jugend mit Depressionen und daraus resultierendem selbstverletzenden Verhalten und zeitweise Substanzen-Missbrauch zu kämpfen. Seiner Meinung nach sind genau solche Probleme angreifbar durch Serien, im Besonderen Substanzen-Missbrauch, da dieser oftmals romantisierend dargestellt wird. „Wenn ein Charakter cool ausschauen soll, dann gibt man ihm ein Glas Whiskey“, so Louis. Serien, die er mit Drogenmissbrauch verbindet, sind BoJack Horseman und Damengambit. Gerade im gleichnamigen Protagonisten von BoJack Horseman, der mit starken Depressionen umgehen muss, kann man sich als betroffene Person sehr schnell wiederfinden, meint er. Das sei nicht automatisch schlecht, doch sobald es in eine Richtung geht, in der Negatives übernommen und normalisiert wird, wird es zum Problem, meint Louis. Vor allem, da das oft auf unterbewusster Ebene passiert.  

Inzwischen fällt es Louis leichter und schneller auf, wenn eine Handlung in den Medien einen starken Effekt auf ihn haben könnte. „Anfällig bin ich immer noch darauf, nur jetzt bin ich mir dessen bewusster und dadurch kann ich den Schaden verringern“, sagt Louis.   

Falsche Verbindung zwischen Leid und Besonderheit 

In ihrem TED-Talk „From Byron to Batman: The Pop Culture Problem of Romanticizing Mental Illness“ (veröffentlicht 2016 auf YouTube) erzählt Katlyn Firkus, die Marketing und Psychologie studiert hat, wie das überhaupt funktioniert. Als Menschen möchten wir alle ein Stück weit einzigartig sein. Durch diese Serien und Filme, die gerade Jugendliche als Zielgruppe haben, werden diese daraufhin beeinflusst, mentale Probleme als etwas zu sehen, das einem genau diese Einzigartigkeit gibt. Psychische Probleme werden vor allem im kreativen Bereich geradezu als Voraussetzung für Talent und Brillanz dargestellt. Eine der schlimmsten Konsequenzen neben selbstzerstörerischem Verhalten davon ist auch, dass sich viele Betroffene keine Hilfe suchen, weil sie ihre Probleme idealisieren. 

Da Jugendliche ohnehin anfällig für Unsicherheiten und schwerwiegendere Probleme sind, liegt es auf der Hand, dass sie sich im Umfeld ihre Anweisungen und Vorbilder suchen. Denn eines darf man nicht vergessen: Betroffene Jugendliche sind nicht psychisch gesund, vor allem jene, die solche Bilder aktiv konsumieren. Ebenso klar ist, dass bei fehlender Aufklärung unklar bleibt, inwiefern sich die eigene Traurigkeit von Depressionen unterscheidet.  

Blogger*innen und Youtuber*innen bieten einige Lösungsvorschläge, um sich gegen mögliche Beeinflussung zu wappnen: Ein kritischer und bewusster Umgang mit allen Inhalten, die man konsumiert, sei wichtig. Dabei stellt sich aber die Frage, inwiefern man erwarten kann, dass diese Fähigkeit bei Jugendlichen bereits ausreichend vorhanden ist. Vor allem weil sie die Zielgruppe dieser Medien sind. Daher liegt es vor allem an den Macher*innen von diesen Inhalten, an ihre Rezipient*innen und mögliche Konsequenzen zu denken. 

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