Sport und Psyche?//„Es gibt ein gutes Gefühl, alles gegeben zu haben“

Sport-Portrait//Anna Eidler (18) macht seit zehn Jahren Karate, ist mehrfache Staatsmeisterin, belegte bei der Europameisterschaft U18 den 11. Platz und qualifizierte sich für die Weltmeisterschaft. Wie sie mit Nervosität und Druck im Leistungssport umgeht und was sie motiviert, hat sie der Klette erzählt. 

Von Iris Strasser 

Leistungssport ist nicht nur anstrengend für den Körper, sondern auch für die Psyche. Wie man es schafft, nicht wahnsinnig zu werden, wenn die Leistung von zwei Minuten bewertet wird, erklärt die 18-jährige Sportlerin Anna Eidler. Sie hat damals mit 16 vor den wirklich großen Turnieren einen Mentaltrainer besucht, der ihr geholfen hat, die Nervosität unter Kontrolle zu bekommen. „Das war bei mir der Zeitpunkt, wo ich wusste, es geht wirklich um was und ich darf mich von keinen Faktoren beirren lassen“. Um während des Kampfes alles geben zu können, muss sie sich vorab zu 100% auf sich konzentrieren und wirklich gut aufwärmen, um den Kopf leer zu bekommen und vor dem Kampf schon Energie loszuwerden. 

„Der Stress darf die Leistung nicht verringern“, sagt die Karatekerin. Eine Zeit lang habe sie probiert, sich bestimmte Dinge als Beruhigung vorzusagen, aber das habe nicht funktioniert. „Ich denke, das kommt sehr stark auf die Person an welche Techniken helfen und welche nicht. Turniere in der Slowakei zum Beispiel habe ich allein geschafft. Aber um es an ganz fremden Orten oder an schlechten Tagen zu schaffen, trotzdem alles perfekt zu machen, dafür habe ich Unterstützung gebraucht.“ Es gäbe viele Sportler, die regelmäßig über ihre Grenzen gehen, um zu gewinnen, erzählt die Karatekerin. Über den aktuellen Karate Weltmeister Ryo Kiyuna wird zum Beispiel gesagt, dass er sich bei jedem Training übergibt, weil er so hart trainiert. Das hätte sicher auch psychische Auswirkungen auf den Erfolg, meint Anna. 

„Für mich ist es die Liebe zum Sport, die es erträglich macht.“ Sie schaffe es kaum vor einer Gruppe zu stehen, um etwas zu präsentieren, da sei sie viel zu nervös. Wenn es dann, aber darum geht, vor hunderten Menschen auf der Matte zu stehen und den Sport zu machen, den sie jeden Tag trainiert und wirklich gerne macht, dann funktioniert alles. „In dem Moment, wo ich auf der Matte bin, und alles geben muss, denke ich an nichts anderes und die Psyche ist wie ausgeschaltet.“  

Aller Anfang – Anna Eidler Karate Edition 

Annas Karriere begann mit den Familiensporttagen in Mattersburg, an denen sich alle Sportvereine der Umgebung präsentieren. Zu der Zeit war sie im Tanzunterricht, aber ihr bester Freund Tobi sah die Vorführung des Frieways Karate Klubs und die Begeisterung beider war entfacht. Der Klub in Sigleß beheimatet die erfolgreiche Sportlerin nun seit knapp zehn Jahren.  

Vor dem Trainerwechsel vor knapp fünf Jahren kämpfte die Karatekerin „Kumite“, sprich 1:1 gegen andere Sportlerinnen. Seit fünf Jahren trainiert sie mit Trainer Balazs Lakner „Kata“ zu Deutsch „Schattenkampf“ und kämpft, wie die Übersetzung schon sagt, mit ihrem Schatten und steht allein auf der Matte. Bei Kata wird eine Reihenfolge von Techniken vorgeführt, deren Schwierigkeitsgrad von der individuellen Ausführung abhängt. Bei Kumite hat man zwei Minuten Zeit, wenn man da einen Fehler macht, gibt es Möglichkeiten ihn auszubessern. Ein Fehler in Balance oder Ausführung bei Kata bedeutet einen Punkteabzug, den man nicht wieder gut machen kann.  

„Es kommt schon ein großer Druck dazu, da man in diesem einen Moment perfekt sein muss“. 

Man muss an alles denken und es muss alles perfekt sein, das sei schon sehr viel Druck. Wenn in diesem Moment dann auch noch sieben Schiedsrichter*innen, Teamkolleg*innen und Trainer*innen zusehen, ist es nicht leicht die Ruhe zu bewahren, meint Anna. 2018 war die junge Sportlerin die erste Person aus ihrem Verein, die sich für die Europameisterschaft qualifiziert hat. Nach vielen Turnieren, Schweiß und Fleiß konnte sie mit dem Nationalteam gemeinsam nach Sotschi fliegen. Das sei das erste Mal gewesen, dass sie etwas gewonnen habe. Mit Menschen, die sie erst einmal gesehen hatte, nach EKF Russland zu fahren kostete der damals 16-Jährigen zwar viel Überwindung, aber seitdem sei sie nicht mehr angespannt, wenn sie für ein Turnier reisen muss, sagt die 18-Jährige. 

„Man lernt nie aus – das motiviert mich“ 

„Tobi und ich motivieren uns gegenseitig. Wenn mal einer von uns keine Lust hat, motiviert einen der andere und wenn einer von uns etwas gewinnt, freuen sich beide. Wir haben alles gemeinsam erlebt und sind durch den Sport wirklich gute Freunde geworden. Es freut mich, ihn an meiner Seite zu haben.“ Außerdem motiviert Anna ihr Freund, der aus Portugal kommt und auch Karate macht, seit er sehr jung ist. Sein Vater habe Karate traditionell in Japan gelernt und natürlich bekomme man dann immer wieder neue Sachen mit. „Das ist das Schöne.“ Man lerne einfach wirklich nie aus und das motiviere die 18-Jährige. Sie würde gerne neue Sachen lernen und das permanente Weiterentwickeln und Entdecken von Katas, Turnieren und neuen Menschen auf Reisen hilft der Sauerbrunnerin dabei. „Die Performance von Rika Osamis ist besonders für mich. Das ist das, was mir an Karate so gefällt. Es hat jeder einen persönlichen Einfluss auf die Kata. Es macht jeder immer ein bisschen anders, weil man eben damit spielen kann. Es gibt die fixe Reihenfolge der Techniken, aber welchen Teil man schnell, welchen man langsam macht und wo man Pausen lässt und das Gefühl und den Flow in der Kata kann man sich aussuchen.“ 

Tiefpunkte sind normal. Vor allem im Leben einer Leistungssportlerin. 

„Natürlich ist es schwer, wenn man auf ein Turnier hintrainiert, alles gibt und verliert, obwohl man sich gut fühlt.“ Für ihre erste WM fuhr Anna nach Italien und verlor gleich in der ersten Runde. Das sei definitiv ein Tiefpunkt gewesen, auch weil sie am nächsten Tag noch einmal in einer anderen Kategorie starten musste. „Es hat Überwindung gekostet trotzdem zu starten“. In dem Moment sei man einfach deprimiert, aber man komme immer irgendwie drüber. Mit Tobi, ihrem Trainer, ihren Eltern oder ihrer Schwester zu reden hilft sehr, berichtet Anna. Wenn man verliert und nicht weiß, warum, genau dann will man besser werden, sagt sie. Irgendwann käme immer die Erkenntnis, dass es eins von tausend Turnieren gewesen ist und man sich verbessern kann. Anna schaut dann noch genauer hin und gibt noch ein Stück mehr Gas im Training, sagt sie. 

Corona: „Anfangs ungewohnt“  

Wie vielen anderen hat Covid-19 auch dem Frieways Karate Klub einige Umstände und Neuerungen beschert. Etwa ein Online-Turniere für das über mehrere Wochen hinweg Katas aufgenommen und eingereicht werden. Das war anfangs ungewohnt, aber die Videos hätten auch danach noch Wert zur Analyse, berichtet Anna. Es käme einem Offline-Turnier auch tatsächlich sehr nahe, da der Vorteil, die Videos theoretisch x-Mal aufnehmen zu können zwar besteht, aber nicht realistisch sei, weil die Kraft doch schnell nachlasse.  

In diesem Jahr schreibt Anna Matura am BRG Mattersburg und möchte danach Medizin studieren und in Richtung Sport-Physiotherapie gehen. Dass man viel Zeit hat, vor allem während der ersten Semester im Medizinstudium, bezweifelt sie, aber sie würde alles geben, um das Training unterzubringen. In zehn Jahren sieht Anna sich immer noch Kata machen, denn „wenn ich sehe, wie 99-jährige Karatemeister Kata machen, bestätigt mir das, dass Karate fit und glücklich hält“. 

Instagram @anna_eidler 

Facebook @Frieways Karate Klub 

Fun Fact: In Karate Kid wird kein Karate gemacht, sondern Kung Fu. Bei Grey’s Anatomy sterben der angehenden Medizin-Studentin zu viele Menschen. 

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