Sexismus im Gaming und was dagegen getan werden muss.

Nachgefragt// Sexismus ist überall und soziale Konstrukte machen auch vor der Welt des Online-Gamings nicht halt. Lea Schauer (20), Paula Wintschalek (18) und Mert Kilic (19) erzählen von ihren Erfahrungen und Lösungsvorschlägen. Drei Stimmen aus der Neustädter Gaming-Szene über „Simps“, stöhnende Mitspieler* und soziale Konstrukte. 

Von Iris Strasser 

Normalerweise sind es „nur“ passive und oberflächliche Kommentare, die sich junge Gamer*innen online anhören müssen. Die 18-jährige Paula erlebte eine Situation, die zeigt, dass die Grenzen zur sexuellen Belästigung im Netz regelmäßig überschritten werden. Sie spielte den Mulitplayer-Ego-Shooter „Valorent“ in einer größeren Gruppe als ein unbekannter Mitspieler* sich virtuell neben sie stellte und über den Voice-Chat zu stöhnen begann. Er hat nicht mehr aufgehört, berichtet Paula, und ihr ungefragt erzählt, wie horny er sei. „Ich dachte mir, die einzige Möglichkeit, dass das aufhört, ist ihn zu muten [Anm. = stumm schalten]“, sagt Paula, aber das sei nicht gut für den Spielverlauf: „Ich finde es zach, wenn ich jemanden muten muss. Ich habe dann immer das Gefühl, dass die Menschheit verloren ist, wenn sowas wieder passiert“, meint die Gamerin. 

„Es ist den meisten eigentlich egal“. 

Als wäre das Stöhnen noch nicht genug, kesselte der Fremde gemeinsam mit seinen Freunden* Paulas Figur während des Spiels ein. Sie konnte ihren Platz im Game nicht verlassen und wurde am Weiterspielen gehindert, während die Stöhngeräusche kein Ende nahmen. In der Realität wäre diese Situation mittlerweile ein klarer Fall von sexueller Belästigung, doch für den Online-Raum gibt es kaum umsetzbare Regelungen, die sexuelle Belästigung erfolgreich eindämmen. Paula bedrückt: „Du willst dieses Spiel spielen, Freude haben und es kommt ein Dude an, der versucht dir den Tag zu ruinieren. Es ist energieraubend und traurig, wenn man nach einer Zeit den Voice-Chat doch ausstellt.“ Die meisten würden nichts sagen, wenn das passiert, und den Störenfried einfach muten, meint Paula. Sie hingegen meldet Männer*, die das tun und schreibt das auch in den Report an die Support-Abteilung des Spielbetreibers. Einen Erfolg konnte Paula dadurch allerdings noch nicht verbuchen, sie bekam noch nie eine Antwort auf gemeldete Gamer*. „Es ist den meisten eigentlich egal, man kann nichts machen dagegen“, sagt sie. Es seien unter anderem wohl einfach zu viele Meldungen, erklärt Paula. Das Report-System gehört generell überdacht, sagt sie. Viele junge Burschen* seien außerdem eingeschüchtert davon, dass immer mehr Mädchen der Welt des Gamings beitreten und möchten diese entweder beeindrucken, oder ihren Raum nicht teilen. 

„Es ist genug weiblich zu sein, um angegriffen zu werden“. 

Der 19-jährige Mert hat bemerkt, dass sich das gesamte Klima im Spiel ändert, wenn eine Frau spricht. „Es gibt zum einen Leute, die versuchen, mit ihr zu flirten und zum anderen welche, die sie beleidigen“. Im Game würden Frauen, die schlecht spielen auf eine andere – sexistische – Art und Weise gedisst werden, als Männer, die schlecht spielen. Die 20-jährige Lea kann das bestätigen: „Es ist meist einfach genug weiblich zu sein, um angegriffen zu werden“. Vor kurzem erst lud sie jemand aus ihrer Freundschaftsliste in den Chat ein, um zu reden. Woher Lea ihn kannte, wusste sie nicht mehr. Als sie nachfragte, warum sie eingeladen wurde, fingen alle jungen Männer im Voice-Chat an zu lachen und beleidigten sie unter anderem als „Hure“. Dass in einer derartigen Situation jemand eingreift – etwa auch Dritte – ist selten, erzählt Mert: „Es lachen dann die Jungs, manchmal auch die Girls, aber ich weiß nicht, ob sie es witzig finden, oder lachen, weil es alle anderen auch tun“. Ein Ende oder eine Lösung sieht Mert nicht, auch Trends wie „Simping“ würden es für Burschen nicht einfacher machen, junge Frauen online zu verteidigen.  Ein „Simp“ ist jemand, der viel zu viel für eine Person tut, die er mag. Manchmal auf der Suche nach einer sexuellen Beziehung, immer mit übermäßigem Mitgefühl und Aufmerksamkeit für andere. 

Die Situation von Lea endete indem sie um Nacktfotos gebeten wurde, mit der Begründung es sei schließlich nett von der Gruppe gewesen, sie einzuladen. Ihre Antwort, dass sie den Raum jetzt wieder verlassen würde, wurde mit Drohungen zur Vergewaltigung kommentiert. Der Gastgeber, der Lea eingeladen hatte, hätte sich im Nachhinein bei ihr entschuldigt und geschrieben er habe nicht gewusst, dass seine Freunde* „so auf Mädchen reagieren“, sagt sie.  

„Männer hören leider lieber auf das, was andere Männer ihnen sagen. 

Systeme und Filter, um sexistische und rassistische User aufzuhalten, scheinen seitens der Hersteller*innen teilweise bereits umgesetzt zu werden. Mert meint aber, es würde das Problem nur verschieben, nicht lösen: „Man muss systematisch etwas an der Jugend, der Gesellschaft und der Gaming-Kultur ändern. Die User zu verbannen, führt nur dazu, dass sie sich einen neuen Account machen, ihr Verhalten nicht ändern und wie gewohnt weitermachen“.  

Funktionieren könnte eine Gaming-Kultur ohne Sexismus für Mert, indem in den verschiedensten Bereichen des Alltags Veränderungen geschaffen werden: Im Freundeskreis auf sexistisches Verhalten aufmerksam machen, oder Frauen in Filmen oder anderen Formen der Öffentlichkeit nicht als „Schlampen“, „Bitch“ oder andere Begriffe zu bezeichnen, wäre ein Anfang.  

„Ich glaube, wenn sie wüssten, was sie anstellen mit diesen Worten, würden einige schon aufhören, aber nicht alle“, sagt Paula. „Im Spiel sind die meisten auch da, um Frust rauszulassen oder runterzukommen. Ich weiß nicht, ob es ein Strukturproblem bleibt oder ist, immerhin wird es schon weniger. In zehn Spielstunde passiert dir eine solche Situation zwar nur in einer, aber es ruiniert trotzdem den ganzen Tag.“ Lea steuert Sexismus mit Aufklärungsarbeit im persönlichen Gespräch gegen, meint allerdings auch: „Männer hören leider lieber auf das was andere Männer ihnen sagen“. 

„Lasst sie einfach das Hobby enjoyen!“ 

Der Laptop stellt beim Gaming schon eine gewisse Barriere dar, die Gefahren abfängt, die im realen Leben präsenter sind, berichtet Lea. Doch egal in welchem Setting, ob online oder nicht, Mobbing, Rassismus und Sexismus geht den Betroffenen immer nahe, bestätigt sie. Viele Frauen* verwenden Decknamen im Internet und benutzen den Voice-Chat nicht, um nicht als Frau* identifiziert werden zu können, bestätigen alle drei. Paula macht das nicht, sagt sie, und ist somit eine Zielscheibe für Anfeindungen männlicher* Gamer. Dass Frauen* Stimmverzerrer verwenden, um nicht erkannt zu werden, werde auch immer üblicher, persönlich kennen würde Paula allerdings niemanden, der das macht. 

Mert spricht von einer Doppelmoral: Viele Männer* hätten zwar gerne mehr Frauen* in der Community, nehmen diese dann aber nicht herzlich auf, sondern schreiben sie als „keine echten Fans“ ab und dann wundert man sich, warum Frauen vermeintlich nicht an den gleichen Hobbies interessiert sind, merkt Mert an. Eine Frau* müsse sich leider oft erst beweisen, um im Gaming wertgeschätzt zu werden, meint er. „Eröffnet enthusiastischen jungen Frauen die Chance, ein neues Hobby zu finden, ohne sie permanent zu hinterfragen, ob sie das nur machen, um Jungs zu gefallen. Lasst sie einfach das Hobby enjoyen!“, ist seine Forderung an Mitspieler*.  

Beratungsstellen  

ZARA – Zivilcourage & Anti-Rassismus-Arbeit (01 929 13 99) 

Weisser Ring – Verbrechensopferhilfe (0800 112 112) 

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