Im Jugendgefängnis//„Draußen geht’s viel schlimmer ab als drinnen“

Max (18), Adam (19) und Leon (18) sind drei von 66 Insassen der Justizanstalt Gerasdorf. Ihre Namen haben wir für diesen Artikel geändert. Sie haben mit der Klette über das Leben im Gefängnis, fehlende Intimität und den Luxus eines Minimarktes gesprochen.  

Von Iris Strasser 

Gleich links nachdem man den Raum betritt, gibt es ein kleines Badezimmer mit Waschbecken, Toilette und Spiegel. Die restliche Einrichtung beschränkt sich auf einen Kleiderschrank, einen Tisch und ein Regal über dem Bett. Jeder Haftraum hat die gleiche Einrichtung, nur durch die persönliche Note ihrer 14- bis 17-jährigen Bewohner* unterscheiden sich die Zellen in der Justizanstalt Gerasdorf.  

Mit Bildern, Teppichen und Österreich-Fahnen hat sich der 18-jährige Max seinen Haftraum gemütlich gemacht. Der 19-jährige Adam schwärmt von seinem Zimmer: Ich hab’s mir halt fein eingerichtet.“ Seine Einrichtung hat sich nach drei Jahren im Vergleich zu der von Max noch um ein Radio, einen Fernseher und eine Stereoanlage erweitert. Zwei große und einen kurzen Teppich, um seine „Patschen“ abzulegen, hat der 18-jährige Leon in seiner Zelle und auch seine eigene Bettwäsche. „Im Gegensatz zu anderen schaut meine Zelle gut aus“, meint er.  

Leon macht im Gefängnis eine Lehre zum Frisör, während er seine Strafe absitzt. Max ist Verwaltungsreiniger in der Justizanstalt und Adam arbeitet dort als Koch. Warum sie im Gefängnis sitzen, erzählen sie nicht, aber wie es ihnen dort geht, darüber haben sie mit der Klette im Interview gesprochen. Per Videotelefonat, mit dem Rücken zur Kamera, um ihre Identität zu schützen.  

Mit dem Rücken zu uns erzählten die Insassen über das Leben im Gefängnis. 

Ein Tag im Gefängnis 

Die Justizanstalt Gerasdorf ist ein reines Männergefängnis hauptsächlich mit Einzelzellen, die in Untersuchungshaft, Erstvollzug, Normalvollzug, Maßnahmenvollzug und Wohngruppen aufgeteilt sind. Nach drei Monaten guter Führung kann man in eine Wohngruppe verlegt werden und hat dort mehr Freizeit. So wie Adam, der diese Zeit hauptsächlich zum Trainieren nutzt.  

Der Tag beginnt Punkt 7 Uhr mit dem Wecken der Insassen*, die Beamt*innen gehen durch und machen das Licht an. Bis 22 Uhr sind die Türen zu den Zellen offen. Abgesehen von den Arbeitszeiten und dem gemeinsamen (durch Corona vorrübergehend getrennten) Spaziergang um 15 Uhr können die Insassen* ihre Zeit frei gestalten. „Ich kann duschen und kochen, wann ich will, theoretisch auch schlafen gehen nach der Arbeit und manchmal geht sich sogar eine Runde Karten aus, aber das eher selten“, erzählt Max. Die Routine tut ihm gut, sagt er, den geregelten Tagesablauf wolle er nach der Zeit im Gefängnis auf jeden Fall beibehalten. Sein Leben vor dem Gefängnis bezeichnet er als „nicht lobenswert“. Mittlerweile meint der 18-Jährige über seine Taten: „Es kommt immer darauf an, wie sehr man die Sachen bereut und wie reif man schon ist“.  

In Österreich ist man ab dem 14. Lebensjahr strafbar und muss damit auch rechtlich Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen. „Bevor du Scheiße baust, musst du auch an die Konsequenzen denken und daran, dass du im Gefängnis landen könntest“, ist sich Leon sicher, denn „dann musst du einfach deine Strafe annehmen, sie absitzen und das Beste daraus machen“. Ein Jahr Haft steht dem 18-Jährigen noch bevor. Seine Zukunft möchte er erst auf sich zukommen lassen.  

Kein Internet, kein Handy 

An Wochentagen wird der Strom in den Zellen um 22 Uhr abgedreht, nur an den Wochenenden gibt es rund um die Uhr Zugang zur Elektronik. Zugang zum Internet haben die Insassen nicht und auch keine Handys. „Man bekommt keine Nachrichten, das ist schon ein bisschen entspannend“, sagt Max, denn draußen sei er viel am Handy und auf Instagram gewesen. Max sitzt nun seit fast zwei Jahren im Gefängnis und bekommt seine Informationen über die Welt draußen über die Nachrichten, die am Fernseher im Gemeinschaftsraum laufen, oder über persönliche Gespräche. Ihn interessiert sehr, was draußen passiert. Was als Ersatz dient, sind Radios, die im gefängniseigenen Geschäft gekauft werden können.  

Das Geld, das die Insassen* mit ihren Jobs im Gefängnis verdienen, geben sie zum Teil in diesem Geschäft – dem Minimarkt – aus, oder sparen es für die Zeit nach der Entlassung. Leon war vor Gerasdorf, der Minimarkt hier ist besser: „In Innsbruck konnte ich nicht einmal eine Packung Eier, Weichspüler oder Schokolade kaufen. Hier gibt es alles, was es draußen auch gibt“.  

Als Insasse des einzigen Nichtraucher-Gefängnisses Österreichs vermisst Max Zigaretten mehr als sein Handy. Adam geht es da ähnlich, er war starker Raucher und dürfte mit 19 Jahren theoretisch auch legal rauchen. Da die JA Gerasdorf eine Anstalt für Jugendliche ist und das Rauchen seit 2019 in öffentlichen Räumen verboten ist, hat sich Gerasdorf den Titel des einzigen rauchfreien Gefängnisses geholt. Stolz darauf ist die Anstalt nur bedingt, sagt deren Mediensprecher, denn Rauchen sei Zuhause auch nicht verboten und sollte in der eigenen Zelle möglich sein. 

„Draußen geht’s viel schlimmer ab als drinnen“ 

Jeden Montag, Mittwoch und Freitag gab es vor Corona sogenannte „Glas“- oder „Tischbesuche“, also persönliche Besuche getrennt durch eine Glaswand oder einen Tisch, die Insassen* in Empfang nehmen konnten. Im März 2020 wurden die Besuche von einem auf den anderen Tag gestrichen, erzählt Adam. „Wir durften vieles nicht bekommen [Anm.: Lebensmittel- und Wäschepakete], weil sie nicht wussten, wie man damit umgeht, weil es für jeden eine neue Situation gewesen ist“, erzählt Max über die erste Zeit mit Corona.  

Seit Corona sind die Besuche auf Glasbesuche beschränkt. Während eines Lockdowns waren die Besuche nur online ein oder zweimal die Woche möglich. Die Videotelefonie mit Familie und Freund*innen sei schnell eingeführt worden – nach nur knapp zwei Wochen – da hätten sich die Beamt*innen bemüht, rasch eine Alternative zu den Besuchen zu finden, erzählen die drei. Leons Eltern wohnen in Tirol und mussten für einen Tischbesuch eine siebenstündige Fahrt antreten, aufgrund der Pandemie und dem Umstieg auf Videotelefonie ersparen sie sich den Weg, können aber auch ihren Sohn nicht mehr treffen. Die Veränderungen durch Corona scheinen für den 18-jährigen Leon keine großen zu sein: „Man war nicht gewohnt den Alltag zu verändern, eine Maske zu tragen, Abstand zu halten, Hände zu desinfizieren, aber nach der Zeit hat man sich daran schon gewöhnt“. Außerdem meint Leon: „Ich bin nicht glücklich, aber froh, dass ich hier drinnen bin, denn draußen geht’s viel schlimmer ab als drinnen“.  

Fehlende soziale Kontakte 

Während der Großteil der Bevölkerung durch die Pandemie erstmals soziale Isolation zu spüren bekam, sind fehlende soziale Kontakte und fehlende Nähe für die Gefängnisinsassen* Alltag. „Das Gute ist, dass ich erst seit 20 Monaten hier bin. Natürlich fehlt mir das ein bisschen, aber ich bin selbst dafür verantwortlich“, erzählt Max. Am Anfang seiner Inhaftierung war es nicht so schlimm für ihn, aber nach einer gewissen Zeit „macht das schon etwas mit einem, wenn man nicht seine Ruhe haben kann und die Familie nicht sehen kann“, erzählt er. „Wenn wir zum Zahnarzt müssen, oder zum Optiker, dann fahren wir raus“.  

Vor einigen Monaten durfte Adam auf Sozialtraining, sprich in Begleitung einer Sozialarbeiterin einen Tag lang seine Familie besuchen. Um 7 Uhr in der Früh sei er nach Niederösterreich zur Familie aufgebrochen und erst abends wieder zurückgekommen. Das Sozialtraining ist eine Möglichkeit zur langsamen Reintegration, aber auch um Zärtlichkeiten auszutauschen, die in der Anstalt nicht möglich sind. Auf die Frage was Max am meisten fehlen würde, folgte in der Aufzählung sein kleiner Hund – ein Chihuahua – knapp nach der Familie.  

In Österreich gibt es derzeit rund 9.000 Häftlinge – rund 3% sind jugendliche Straftäter (14. – 18. Lebensjahr). Zirka 8% „junge Erwachsene“ (18. – 21. Lebensjahr).  Quelle: http://strafvollzug.justiz.gv.at/  

„Hier drinnen gibt’s keine Freunde“ 

 „Hier drinnen gibt’s keine Freunde“, sagt Adam. „Wenn man mit jemandem nicht zurechtkommt, gibt es keine Möglichkeit dieser Person aus dem Weg zu gehen“, sagt der 19-jährige Adam. Er ist seit über drei Jahren im Gefängnis. 

„Ich habe verwechselt, wer ein richtiger Freund ist und wer nicht“, meint Max. Er sei eine sehr offene Person, sein Problem sei vor der Haft allerdings gewesen, dass er sich an „falsche Menschen“ wandte, die ihn auszunutzen wollten oder hinterhältig waren, erzählt er. „Ich komme mit ein paar gut klar, aber Freunde sind das nicht wirklich.“  

In der Wohngruppe, in der alle drei Insassen wohnen, ist die Situation familiärer als im Rest der Justizanstalt, was allerdings auch Raum für Konflikte schafft, erzählt Max. Leon hingegen scheint mit den Kollegen* gut zurechtzukommen, er verbringt seine Freizeit mit Kaffeetrinken, gemeinsam in der Zelle zu sitzen und zu plaudern, Musikhören oder Filmschauen. „Zu Weihnachten haben wir neue Filme auf DVD bekommen“. Joker und Creed 2 sind seine liebsten.  

In die Zukunft schauen 

In sechs Wochen wird Max entlassen, erzählt er strahlend, denn für seine Zukunft hat er einen klaren Plan. Eine Stelle in einer Produktionsschule, die Struktur und Routine unterstützt, sei ihm schon gesichert. Danach würde er sich so schnell wie möglich darum kümmern, zum Zivildienst zu gehen, am liebsten in ein Altersheim oder als Krankenpfleger. „Dann muss ich schauen, dass ich dort auch bleiben kann, nach dem Zivildienst“. Adam hat noch fünf Jahre abzusitzen, geht allerdings von einem Drittel aus und hofft in 2,5 Jahren entlassen zu werden. „Erstmal einen guten Start draußen haben und meine Schulden abbezahlen. Dann positiv in die Zukunft schauen.“  

Factbox zu Geradsdorf  

Sonderanstalt für Jugendliche Gerasdorf am 16.03.1970 eröffnet 

Die Maximalbelagsfähigkeit der Justizanstalt für Jugendliche Gerasdorf beträgt 122 Haftplätze. 

Auch Außenstelle der Justizanstalt Wien-Josefstadt für jugendliche männliche Untersuchungshäftlinge. 

hat die Aufgaben einer Sonderanstalt im Sinne des Jugendgerichtsgesetzes. Sie ist für den Vollzug von Freiheitsstrafen an Jugendlichen und dem Jugendvollzug unterstellten erwachsenen Strafgefangenen sowie für die Unterbringung von geistig abnormen zurechnungsfähigen Rechtsbrechern zuständig. 

Factbox Rechtsberatung für Jugendliche  

www.kija.at  

Kinder- und Jugendanwaltschaft 

www.jugendinfo-noe.at 

Jugendinfo Niederösterreich 

www.neustart.at  

Neustart-Verein für Bewährungshilfe 

www.taschenanwaeltin.at  

Taschenanwältin, Ratgeber und Informationen über das Recht 

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