Kommentar//Die Escape-Taste: Warum Realitätsflucht nicht schlecht ist

Von Stefanie Marek 

Videospiele, Serien, Filme und die sogenannte „Unterhaltungsliteratur“ werden in der „Bildungssprache“ oft ein wenig abwertend mit dem Begriff „Eskapismus“ in Verbindung gebracht. Per Wikipedia-Definition ist Eskapismus, auch Realitätsflucht, Wirklichkeitsflucht oder Weltflucht genannt, die Flucht vor der realen Welt und ihren unerfreulichen Anforderungen in eine bessere Scheinwirklichkeit (zum Beispiel jene in Videospielen, Serien, Filmen und Büchern) bei der das Vergnügen im Vordergrund steht.  

Dass der Begriff meist abwertend verwendet wird, ist aus mindestens zwei Gründen unangebracht und engstirnig. Denn „Realitätsflucht“ in Form von Unterhaltung ist nicht automatisch etwas Schlechtes und bei den Anforderungen der heutigen Welt und den Zukunftsaussichten (Stichwort: Klimawandel) mindestens verständlich.  

Grund Nummer Eins: Wir brauchen die Fiktion, um mit der Realität zurecht zu kommen. Die Pause-Taste zu drücken und regelmäßig von den Anforderungen des Alltags Abstand zu nehmen ist ziemlich notwendig. Jemand, der nie abschaltet und sich immer nur mit seiner Arbeit, der Ausbildung und seinen realen Problemen beschäftigt, der läuft Gefahr ein Burn-out zu bekommen. Die Hilflosigkeit die vor allem junge Menschen angesichts des Klimawandels, und der ausbeuterischen Verhältnisse empfinden, die hinter unserem Konsumverhalten stehen, ist wirklich nichts, was man ständig im Kopf haben sollte, wenn man nicht durchdrehen will. Sich mit anderen Realitäten zu beschäftigen und dadurch zu entspannen, kann sehr hilfreich sein.  

Grund Nummer zwei: Ist es eine gedankliche Flucht vor unseren realen Problemen und Ängsten, wenn wir in fiktionale Welten eintauchen? Nicht unbedingt. Alles was wir in fiktionalen Welten erleben, sehen, spüren und erschaffen, beeinflusst (wenn nicht sogar bereichert) auf die eine oder andere Weise unsere reale Welt und unseren Umgang mit der Wirklichkeit. Die Fähigkeit Probleme zu lösen, zusammenzuarbeiten oder die Vorstellungskraft können etwa dadurch gefördert werden. Besonders negativ ist das ja wohl nicht. Aber muss alles immer einen Nutzen haben? Muss Spaß einen Zweck erfüllen, oder darf man bitte schön auch einfach mal Spaß haben um des Spaßes willen? 

Menschen erschaffen mit ihren Gedanken Situationen und Dinge, die im Moment, in dem wir sie erfinden, noch gar nicht existieren. Weil wir uns Dinge ausdenken können, die mit der Gegenwart nicht in unmittelbarem Zusammenhang stehen, halten wir uns für intelligenter als andere Lebewesen. Warum dann gerade das Genießen und Erleben solcher Fantasiekonstrukte und der damit verbundene Spaß als etwas Verwerfliches und Unwichtiges abgetan werden, ist unverständlich. Wer so denkt ist wohl ein besonders trauriger Geist.   

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