Wie ist das so…am Gericht?

Ausprobiert/ Der Gedanke, vor Gericht stehen zu müssen, macht den wenigsten Freude. Als Zuschauer*in bei einer Verhandlung dabei zu sein, ist aber spannend. Passend, dass viele Prozesse öffentlich zugänglich sind. Klette-Redakteurin Celina berichtet von ihren Erfahrungen. 

Von Celina Dinhopl

Heute bin ich das erste Mal vor Gericht, nicht als Angeklagte oder Zeugin, sondern als Zuschauerin. Mit formeller Kleidung mache ich mich auf den Weg zum Wiener Neustädter Landesgericht. Für den Anfang habe ich mir einen leichten Fall ausgesucht. Der Angeklagte wurde im Juni mit gefälschten Auto-Kennzeichen erwischt. Seine Verhandlung findet im Saal 152 statt. Die Tür des Gebäudes ist goldbraun gefärbt und hat eine viel zu hoch sitzende Türklinke. Als ich danach greifen möchte, geht die Tür von selbst auf. Am Sicherheitscheck muss ich ähnlich wie am Flughafen meine Tasche ablegen und durch eine Röhre gehen. 

Das Innenleben des Gebäudes wirkt alt, kahl aber hell. Die Stufen sind solche, wie man sie aus Neustädter Arztpraxen kennt. 

Saal 152. Durch einen Lautsprecher wird zum Eintreten aufgerufen. Außer mir gehen nur eine Rechtspraktikantin und der Angeklagte in den Gerichtssaal. Der Saal ist ausgestattet wie in bekannten Fotos oder Videos von deutschsprachigen Gerichtsverhandlungen. Weiße Wände, hellbraune Stühle und Tische – der Raum, so groß wie ein Klassenzimmer, hat eine ganz strenge Energie. Während sich die Richterin, Staatsanwältin und Dolmetscherin in einem U zusammensetzen, nimmt der Angeklagte gegenüber der Richterin Platz. Die Rechtspraktikantin und ich sitzen etwas abseits des Geschehens.

Die Richterin geht die persönlichen Daten des Angeklagten durch, der 1977 in Ungarn geboren ist. Schon nach fünf Minuten fühle ich mich so, als wüsste ich alles über diesen Mann. Dann fragt ihn die Richterin direkt, wieso er getan hat, weswegen er angeklagt ist. 

Der Mann erklärt ihr (mit viel Abschweifen), wieso er aus dem Internet gekaufte KFZ-Kennzeichen auf dem Auto gehabt hat. Das “Gespräch” zwischen Angeklagten und Richterin ist total ungewohnt für mich. Sie kommunizieren ausschließlich über eine Dolmetscherin und zwischen ihnen hängt eine Atmosphäre von Schuld und Bestrafung. Der Angeklagte erklärt der Richterin, dass er und seine Frau zwei Autos besitzen, von denen nur eines regelmäßig benutzt wird. An besagtem Tag wollte er jedoch das bereits zu rosten beginnende Zweitauto benutzen. Statt die echten Wechselkennzeichen zu verwenden, die er durchaus besitzt, hatte der Angeklagte jedoch gefälschte Kennzeichen aus dem Internet verwendet. Diese hatte er schon länger in seinem Besitz. Normalerweise verwenden Menschen mit mehreren Fahrzeugen ein Kennzeichen, dass sie auf dem Auto anbringen, dass sie gerade benutzen (sogenannte Wechselkennzeichen). Solange die nicht gebrauchten Autos zuhause stehen, verwenden viele Leute Kartonschilder als Platzhalter. Diese fand der Angeklagte aber unbrauchbar, wie er erklärte, da das Zweitauto draußen parkt und die Kartonschilder da nass werden können. An jenem Tag, als er mit den falschen Kennzeichen erwischt wurde, habe er schlicht vergessen sie gegen die echten auszutauschen. 

Seiner Begründung zu folgen fällt nicht nur mir, sondern auch der Richterin schwer. Schon bald beginnt sich ihre Attitüde zu verändern und sie wird von Minute zu Minute ungeduldiger mit dem Angeklagten. Ich kann ihre Haltung verstehen, für mich wirkt der Mann dennoch grundsätzlich nicht ungut. Auch ist er sehr einsichtig und gibt zu, einen Fehler gemacht zu haben. 

Immer wieder sehe ich auf die Uhr, die sich rasend schnell bewegt. Es ist ganz spannende Dynamik, zum einen möchte man immer mehr über die Tat und die Motivation des Angeklagten wissen, gleichzeitig möchte man endlich das Urteil erfahren. Die geplanten 45 Minuten für die Verhandlung werden vollständig ausgeschöpft und dann steht das Urteil fest. Reflexartig stehen alle Personen im Raum auf, während die Richterin das Urteil in halber Lichtgeschwindigkeit herunterbetet. Der Angeklagte wird wegen Fälschung zu einer Geldstrafe von 900 Euro verurteilt. Davon muss er aber nur 450 Euro zahlen, sollte er die nächsten drei Jahre brav bleiben. Der Mann lehnt sein Recht auf Berufung ab, das Urteil ist (noch) nicht rechtskräftig. Damit ist die Verhandlung beendet und ich kann mich wieder auf dem Heimweg machen. Der Angeklagte möchte vermutlich nie wieder einen Gerichtssaal betreten, ich aber habe Blut geleckt und checke bereits den Terminkalender der Verhandlungen für die nächste Woche.

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