Ein Femizid ist mehr als ein Mord

Warum hinter Morden  an Frauen wesentlich mehr steckt als ein “Beziehungsdrama” hat KLETTE-Redakteurin Iris Strasser für euch recherchiert.  

Von Iris Strasser

Erdrosselt, sexuell missbraucht und unter Laub versteckt. Die damals 16-jährige Manuela K. wurde am 13. Jänner 2019 im Wodica-Park Opfer eines Femizids. Der Täter wurde laut Kurier bereits mehr des sexuellen Missbrauchs, Körperverletzung und gewaltvollen Übergriffen beschuldigt und soll Manuelas Ex-Freund gewesen sein. Ein tragischer Fall, der kein Einzelfall bleiben soll, denn er bedient ein bedauerliches Muster.

In Österreich werden jedes Monat im Schnitt drei Frauen von ihren (Ex-)Partnern oder ihnen nahestehenden Männern ermordet. Diese Morde bezeichnet man als Femizide, denn die Taten haben als Ausgangspunkt eines gemeinsam: tiefsitzende patriarchale Denkmuster und frauenverachtendes Verhalten.

Laut dem Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) wurden 2021 bereits 21 Frauen ermordet. 18 davon von ihren Partnern oder Ex-Lebensgefährten. 17 davon in den eigenen vier Wänden. Das jüngste Opfer war 13, das älteste 79. Die Täter: ausnahmslos männlich gelesen und durch unterschiedlichste Herkunft und Sozialisierung geprägt. Laut einer Erhebung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte zu geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen, ist jede fünfte Frau in Österreich ab ihrem 15. Lebensjahr körperlicher und/oder sexueller Gewalt ausgesetzt. Diese Zahlen und Fakten sind erschreckend, erklären aber noch nicht, warum es zu diesen Morden kommt. Wir haben versucht, dieses traurige Phänomen so gut es geht, zu erklären.

Wie entstehen Gewaltbereitschaft und Frauenhass? 

“Wer einen Mord begeht, dem fehlt es oft an Empathiefähigkeit, also die Fähigkeit, sich in andere hineinzufühlen”, sagt Kriminologin Katharina Beclin von der Universität Wien. Menschen, die Gewalttaten begehen, haben oft selbst bereits unter Gewalterfahrungen gelitten. Morde an Frauen sind jedoch keine Einzelfälle, von Menschen, die aus individuellen Gründen andere Menschen ermorden. Bei Morden an Frauen handelt es sich um ein gesellschaftliches Problem: Dabei spielen aufgestaute Wut und der Hass auf Frauen, die sich emanzipieren, eine große Rolle. Das sagte auch die Bundesfrauenvorsitzende der Produktionsgewerkschaft (PRO-GE) und Vorsitzende des Österreichischen Frauenrings Klaudia Frieben im Gespräch mit der KLETTE. Das traditionell konservative Wertesystem in Österreich sei der Ursprung des Problems, so Frieben, denn in den Köpfen der Menschen sei immer noch verankert, den Mann als Oberhaupt der Familie anzusehen und ihm “seine” Frau als sein Eigentum zuzuschreiben. “Dieses Eigentum geht jetzt verloren und da liegt die Ursache begraben: in unseren patriarchalen Wurzeln”, so Frieben. Weiters erklärt sie, die Art und Weise, wie über Frauen in den Medien berichtet wird, die sexuellen Belästigungen im Medienbereich selbst und die Frage des Frauenhasses, spiegeln laut Frieben eine wirklich frauenverachtende Gesellschaft wider.

Laut AÖF handelt es sich bei der Gewaltausübung von Männern oft um erlernte Muster und anerzogenes Verhalten, das bereits in der frühen Kindheit verankert ist. Viele dieser Männer haben meist schon in der Kindheit Gewalt an der Mutter mitansehen müssen, den Frauenhass des Vaters miterlebt und begonnen, sich mit dem Vater zu identifizieren. Im Paper zu Täterstrategien des AÖF steht weiters, dass diese Männer nicht gelernt hätten, Konflikte und Streit gewaltfrei zu lösen, oder mit ihren Gefühlen richtig umzugehen. Sie seien dadurch oft nicht in der Lage, Bedürfnisse, Wünsche und Probleme mit jemandem zu besprechen und eine gewaltfreie Lösung zu finden. Kurz gesagt, erleben wir aktuell das Resultat einer Gesellschaft, die seit Jahrhunderten im Patriarchat lebt und notwendige Aufklärungsarbeit gesamtgesellschaftlich auslässt. Einen Mord zu begehen, ist trotz aller toxischer Strukturen eine aktive Entscheidung und nicht rechtzufertigen. Männer, die problematische Züge an ihrem Verhalten erkennen und etwas dagegen tun möchten, können sich an Männerberatungsstellen in ganz Österreich wenden (0800 246 247, www.maennerberatung.at).

Patriarchale Strukturen sind NICHT importiert.

“Unsere Frauen müssen von der importierten Gewalt geschützt werden. Österreich braucht wieder seine Hoheit im eigenen Land, anstatt ausländischer Horden”, sagt der FPÖ Generalsekretär und Wiener Neustädter Bürgermeister Stellvertreter Michael Schnedlitz in einer Presseaussendung via OTS vom 29. Juni 2021. Klaudia Frieben weist derartige Annahmen streng zurück, denn Gewalt in der Familie kommt in jeder Gesellschaftsschicht, jeder Einkommensschicht und in jeder Kultur vor. Das liegt einzig und allein an den patriarchalen Verhältnissen betont Frieben.

Österreich ist für Männer sicher, für Frauen weniger.

Bei der Diskussion rund um das Thema Frauenmorde kommt oft die Frage auf, warum denn die Morde an Männern nicht auf dieselbe Weise thematisiert werden. Die Antwort ist einfach: Diese Morde an Männern sind tragisch, aber Einzelfälle, die in Österreich kein strukturelles Problem darstellen. Die Linzer Psychiaterin und Gerichtsgutachterin Adelheid Kastner erklärt das dem Standard am 6. Mai 2021 so: „Wir haben eine geringe Zahl an männlichen Opfern, weil Männer meist in kriminellen Subkulturen und eskalierenden Streiten getötet werden“. Sprich da es in Österreich wenig Bandenkriminalität gibt und keine Tradition herrscht, Waffen mit sich zu führen, ist Österreich für Männer ein sicheres Land. Frauen hingegen sind der meisten Gefahr zuhause ausgesetzt, wodurch Österreich ein trauriges Alleinstellungsmerkmal verzeichnet: Laut EU-Statistikbehörde Eurostat wurden in Österreich 2017 als einziges europäisches Land mehr Frauen als Männer ermordet und die Rate scheint nicht zu sinken. Durch Covid-19 und Lockdowns, die Familien oft auf engstem Raum verbracht haben, hat sich die Situation abermals verschlechtert. Die Frauenhelpline (0800 222 555) vermerkt 2020 einen deutlichen Anstieg der Anrufe. Die Mitarbeiter*innen der Notrufnummer nahmen im März, April und Juni 2020 um 71 Prozent mehr Anrufe und im Dezember 2020 um 33 Prozent mehr Anrufe entgegen. Die Anrufe erhöhten sich im Frühjahr von durchschnittlich 21 Anrufen auf 38 Anrufe pro Tag sowie im Dezember auf 28 Anrufe täglich. Die Österreichischen Frauenhäuser hingegen vermerken einen Rückgang von rund 9% der aufgenommen Frauen. Der Grund für diese Entwicklung ist laut AÖF die konstante Überwachung des gewalttätigen Partners und die soziale Kontrolle des Umfeldes, insbesondere am Land. Im vergangen Jahr 2.994 Personen in Frauenhäusern betreut. 1.507 Frauen und 1.487 Kinder. Trotz des minimalen Rückgangs sind die Ressourcen und die finanzielle Unterstützung für Fraueneinrichtungen absolut unzureichend. Klaudia Frieben, die außerdem betont, dass sich die Forderungen des Frauenrings immer an die Regierung richten und sich auch nur an diese richten können, meinte dazu noch: “Die Regierung ist dafür zuständig, dass Frauen gewaltfrei in Österreich leben können und das ist offensichtlich sehr vernachlässigt worden”.

Kritik an den Medien

In Medienberichten über Femizide wird oft von “Familiendrama”, “Bluttat” und “tödlichem Beziehungsstreit” gesprochen. Diese Formulierungen führen zu einer Relativierung und Verharmlosung der Situation, vor der bereits seit Jahren zahlreiche Expert*innen warnen. Medien sind für den absoluten Großteil der Bevölkerung Informationsquelle Nummer eins. Dadurch haben Medienschaffende eine gesellschaftsformende Macht und Verantwortung. Das Paper „Verantwortungsvolle Berichterstattung für ein gewaltfreies Leben“ der Initiative “Gewaltfrei Leben” hat einen Leitfaden für Journalist*innen verfasst, der unter anderem verdeutlicht: “Mit einer umfassenden und differenzierten Berichterstattung können Medien zur Gewaltprävention beitragen, indem sie das Problem auf der gesellschaftlichen Agenda halten und mithelfen, ein Klima zu schaffen, in dem Gewalt gegen Frauen nicht toleriert wird. Sie können sensibilisieren und aufklären und damit auch direkt Betroffene und ihr Umfeld unterstützen sowie die Verantwortung und notwendige Solidarität aller verdeutlichen”. Nicht nur Kritik an Formulierungen und fehlender Präventionsmaßnahmen müssen Medienhäuser einstecken. Im Zuge der häufigen Femizid-Berichterstattung hat der österreichische Presserates gegenüber der österreichischen Medien auch eine allgemeine Mahnung zur Einhaltung des Opferschutzes ausgesprochen. 

Was tun?

Wie bereits erwähnt, gibt es Beratungsstellen für Männer, die aktiv gegen patriarchales Verhalten vorgehen möchten. Für alle, die etwas gegen ihre Wut, Trauer, Angst oder fehlende Austauschmöglichkeiten tun möchten, gibt es Vereinigung wie “Claim the Space”. Die feministische Vereinigung ruft nach jedem Femizid zur Demonstration auf dem Wiener Karlsplatz auf und macht sich nach dem Motto “Nehmt ihr uns eine, antworten wir alle” stark. Gegründet in Lateinamerika, hat die Bewegung ihren Weg bis nach Österreich beziehungsweise Wien gefunden. Tauscht euch aus und zeigt Solidarität!

Hilfe für von Gewalt Betroffene gibt es hier:

Frauenhelpline (rund um die Uhr, anonym, kostenlos): 0800 / 222 555

Interaktive Website für Kinder/Jugendliche: http://www.gewalt-ist-nie-ok.at

Helpch@t, Onlineberatung für Frauen/Mädchen (täglich von 16-22 Uhr, kostenlos und in allen gängigen Sprachen): http://www.haltdergewalt.at

Kontaktdaten aller Frauenhäuser und Beratungsstellen in Österreich auf: http://www.aoef.at

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