Luisa und Angel, Helferinnen in der Not

Vor allem Frauen* haben beim Fortgehen regelmäßig mit (sexueller) Belästigung zu kämpfen. Die eigene Sicherheit und der Spaß beim Feiern können einem dadurch leicht abhanden kommen. Aber was kann man auch in Wiener Neustädter Clubs und Bars bei Belästigung tun? Die Klette hat nachgefragt. 

Von Celina Dinhopl 

Als Marlene (20) mit ihren Freundinnen in Wiener Neustadt feiern ist und alleine aus einem Lokal hinausgeht, spricht sie unerwartet ein älterer Mann in den Dreißigern an. Er ist nicht alleine, sondern steht mit Freunden bei einem Tisch. Der Mann macht ihr Komplimente über ihr Aussehen, für sie ist die Situation einfach unangenehm. Als er sie auf ein Getränk einlädt, lehnt sie mehrmals freundlich ab, womit er sich aber nicht zufrieden gibt und sie grob am Handgelenk packt. Marlene bittet ihn mehrmals, sie loszulassen, doch sie muss sich erst schütteln, um wieder von ihm frei zu sein. Als sie weggeht, schreit er ihr hinterher, dass sie sich über sowas gar nicht wundern brauche, so wie sie angezogen ist. Dieser Vorfall ist Marlene vor drei Jahren passiert.

Leider ist das keine erfundene Geschichte, sondern regelmäßig Realität von vielen Frauen* und auch Männern* beim Fortgehen. Daher ist es wichtig, auch beim Feiern zu wissen, an wen man sich wenden kann, wenn man belästigt wird. 

Genau das haben sich die Macher*innen der Initiative “Luisa ist hier!” gedacht. Das Projekt ist ein Hilfsangebot für Mädchen* und Frauen* (natürlich aber auch für Burschen* und Männer* verwendbar) bei sexueller Belästigung im Club. Es ist 2016 vom Münsteraner Frauen-Notruf in Deutschland eingeführt worden und ist mittlerweile im deutschsprachigen Raum weit verbreitet. Wenn man sich beim Fortgehen von einer Person belästigt fühlt, kann man jederzeit an der Bar folgende Frage stellen: “Ist Luisa da?”. Dann wird man vom Personal gefragt, was man braucht. Entweder man braucht nur die eigene Tasche, oder ein Taxi nach Hause, oder aber die Polizei muss eingeschalten werden. Das hängt vom eigenen Wohlbefinden und den eigenen Wünschen ab. In Österreich findet man “Luisa” in Salzburg, Innsbruck und Graz. In Vorarlberg kann man an der Bar nach “Lotta” fragen. Dass gerade Luisa (Bedeutung: die Kämpferin) als Codename verwendet wird, ist eine starke Message.

In Graz hat das Projekt im Juni 2019 durch Frauenstadträtin Judith Schwentner begonnen. Seitdem konnten schon 44 Lokale zum Mitmachen angeregt werden. Bei “Luisa ist hier!” ist es besonders wichtig, dass das Personal in den Lokalen weiß, was bei einer Belästigung zu machen ist. Dafür werden Schulungen für das Barpersonal angeboten und Materialien zur Verfügung gestellt. “Alle Frauen kennen unangenehme Situationen und dafür braucht man schnelle und konkrete Hilfe”, so Judith Schwentner. Sie möchte, dass man sich beim Fortgehen in Graz sicher fühlen kann.

Wie ist aber die Situation in Wiener Neustadt? Das Projekt “Luisa ist da” gibt es bei uns nicht. Das heißt jedoch nicht, dass es keine anderen Möglichkeiten gibt, sich im Lokal Hilfe zu holen. Prinzipiell gibt es Angebote zum Schutz (von Frauen) in Wiener Neustadt. Vereine wie Wendepunkt, Weiberwirtschaft, Auftrieb/Lotta oder das Gewaltschutzzentrum Niederösterreich haben es sich zur Aufgabe gemacht, Frauen oder Mädchen in Not zu helfen. Diese Vereine beziehen sich aber vermehrt auf häusliche Gewalt oder Sozialhilfe, während beim Fortgehen das Wiener Neustädter Nachttelefon (erreichbar Freitag, Samstag und vor Feiertagen zwischen 22 und 3h unter 02622/373-333) oder die Frauenhelpline (24h erreichbar unter 0800/222 555) hilfreich sein können. Erst vor kurzem sind neue Vorschläge im Gemeinderat erarbeitet worden, das Angebot des Frauenschutzes in Wiener Neustadt durch Frauentreffs, Workshops oder Selbstverteidigungskurse auszubauen. Auch eine Initiative für mehr Sicherheit wurde angesprochen. Die Frauenbeauftragte der Stadt Claudia Auer-Deutsch sagt dazu noch anschließend: “Im kommenden Jahr werden wir uns mit dem Thema Sicherheit, auch beim Fortgehen, weiter auseinander setzen.”

In Gesprächen mit den Eigentümer*innen diverser Lokale in Wiener Neustadt (Next, Orange und Mephisto aus der Herrengasse und dem Art’z Club) wurde uns bestätigt, dass man auch hier Hilfe bekommt. Man hat bei Belästigung jederzeit die Option, sich an das Barpersonal zu wenden, das darauf aktiv reagiert und das Security-Personal verständigt. 

So eine Situation hat auch schon Laura (22) erlebt. In einem Club wird sie plump von einem Typen angesprochen, woraufhin sie ihn höflich abweist, er aber nach zehn Minuten wieder auf der Matte steht und sie am Hintern berührt. Kathi, Lauras Freundin bekommt die Situation mit und setzt sich zu ihr, damit der fremde Mann wieder geht. Der bleibt jedoch hartnäckig und kommt ein drittes Mal wieder, um sie weiter zu berühren und Fotos von den beiden Freundinnen zu machen. Langsam hat auch Kathi genug und wird unfreundlicher, woraufhin er beginnt, die beiden zu beschimpfen und versucht, sie mit einem Barhocker zu attackieren. Schlussendlich wird er von einem Security rausgeworfen, doch die Angst der jungen Frauen, der Typ würde vor dem Club auf sie warten und ihnen etwas antun, bleibt. “Einem Mädel an dem Hintern greifen, da bist du schneller draußen, als du schauen kannst”, erzählt Hannes Dinhobl, Inhaber des Orange Lokals, der laut eigener Aussage besonders empfindlich auf Belästigung in seinem Lokal reagiert. Denn die Bars möchten natürlich sowohl den Besucher*innen als auch dem Geschäft zuliebe, dass sich alle wohl fühlen und gerne wiederkommen möchten. Kurz nach dem Gespräch mit der KLETTE hat der Art’z Club ein Bild über den “Angel Shot” gepostet, der von Energy Österreich nach Österreich geholt wird. Der “Angel Shot” funktioniert im Prinzip genauso wie “Ist Luisa da?”. Man bestellt diesen fiktiven Shot und zeigt somit dem Personal, das man Hilfe benötigt, die man anschließend auch bekommt. Bisher wird der “Angel Shot” aber nur von einer handvoll Wiener Lokalen angeboten. 

Partybesucher*innen haben das Recht, sich beim Fortgehen sicher zu fühlen und einfach Spaß mit den Freund*innen zu haben, ohne sich mit ungewollten Berührungen oder Kommentaren herumschlagen zu müssen. Leider zeigen aber Geschichten wie Marlenes und Lauras die Wirklichkeit, nämlich dass es andauernd vorkommt, dass man sich beim Feiern von anderen belästigt fühlt. Jedes von uns befragte Lokal hat sich dazu bekannt, Hilfe anzubieten und geschultes Personal zu haben, das auch eingreift. Eine Garantie, dass das auch so ist, gibt es nun aber leider nicht. Projekte wie “Ist Luisa da?” zeigen Betroffenen immerhin deutlich, dass sie nicht allein sind und dass sie mit Unterstützung rechnen können. 

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