Zwischen jugendlichem Leichtsinn und Kriminalität

Inwieweit ist es normal die Grenzen der Gesellschaft auszuloten und was passiert, wenn Jugendliche in die Kriminalität abrutschen? Viele Fragen, um ein Thema, das uns alle spätestens im Jugendalter bis zu einem gewissen Grad betrifft, doch den Durchblick zu behalten ist nicht so einfach. Deshalb sprach die Klette für diesen Artikel mit Kriminologin Katharina Beclin, sowie Alexander Grohs von Neustart über der Jugendkriminalität und die Arbeit mit straffällig gewordenen Menschen.

Von Celina Dinhopl

Schon mal eine Straftat begangen? Nein? Dann bist du wahrscheinlich eine Ausnahme, denn Expert*innen gehen davon aus, dass fast alle Menschen in ihrer Jugend zumindest einmal eine strafbare Handlung begehen. Bei den meisten Straftaten von Jugendlichen handelt es sich um sogenannte Bagatelldelikte, die aus Langeweile oder Gruppenzwang begangen werden, sagt Kriminologin Katharina Beclin, Professorin an der Universität Wien. Darunter fallen Dinge wie Schwarzfahren, Suchtmitteldelikte, kleinere Sachbeschädigungen oder Ladendiebstähle. Unter Fachmenschen nennt man das Entwicklungskriminalität, also Gesetzesübertretungen in Form von alters- und entwicklungsbedingtem Austesten von Grenzen. Grundsätzlich ist man aber ab 14 Jahren schadenersatzpflichtig und kann strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden. In Österreich waren laut Statistik Austria 2020 rund
1500 rechtmäßig Verurteilte zum Zeitpunkt ihrer Tat zwischen 14 und 17 Jahre alt. Die Dunkelziffer der Straftaten ist jedoch höher, da nicht alle straffälligen Jugendlichen angezeigt werden. “Bagatelldelikte sind allgegenwärtig und kein großes Problem für die Gesellschaft. Hier ist Präventionsarbeit fast nicht notwendig”, so Beclin. Beim kleineren Anteil der straffälligen Jugendlichen, diejenigen, die wirklich krimi- nell werden, sei das aber sehr wohl so. „In Österreich haben wir da ein großes Defizit. Jugendämtern mangelt es an Geld und Personal, weshalb nicht rechtzeitig eingeschritten werden kann”, beschreibt die
Kriminologin die Situation in Österreich.

NEUSTART für einen neuen Start

Der Verein Neustart ist zuständig, wenn Menschen bereits straffällig geworden sind. “NEUSTART – Bewährungshilfe, Konfliktregelung, Soziale Arbeit” ist eine der größten Non-Profit Organisationen Österreichs. Der Verein bietet zahlreiche Dienstleistungen im Bereich Prävention, Opfer- und Bewährungshilfe an. Dazu zählen zum Beispiel Online-Beratungen, Prozessbegleitung, Vermittlung gemeinnütziger Leistungen und Bewährungshilfe. Sozialarbeiter*innen unterstützen die Täter*innen bei der Reintegration in die Gesellschaft, aber auch die Opfer erhalten Hilfe durch Prozessbegleitung und Mediation im Tatausgleich.

 Bei NEUSTART wird jede*r ab dem 14. Geburtstag betreut. Dabei wird zwischen Jugendlichen (14 bis 18 Jahre), jungen Erwachsenen (bis 21 Jahre) und Erwachsenen unterschieden. Wichtig dabei ist, dass die Klient*innen der Bewährungshilfe von NEUSTART dazu verpflichtet sind, die Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Wie arbeitet NEUSTART mit den Klient*innen?

Angenommen ein Jugendlicher geht in die Disco feiern, dabei kommt es zu einem Streit und anschließend zu einer Schlägerei. Die Polizei wird gerufen und die beteiligten Jugendlichen werden wegen Körperverletzung angezeigt. Die Staatsanwaltschaft kann Anklage erheben und es kann zu einem Gerichtsverfahren kommen. Ist es der erste Vorfall dieser Art, wird den Jugendlichen vor einer Anklage oft die Möglichkeit zur Diversion gegeben. Das bedeutet, dass Anstelle eines Gerichtsverfahrens eine gemeinnützige Leistung, ein Tatausgleich (gemeinsame Lösungsfindung mit Täter*in und Opfer) oder eine dreijährige Bewährungshilfe in Kraft treten. Entscheidet sich der Jugendliche dafür und erfüllt alle Auflagen, so wird das Verfahren eingestellt. Ein Vorteil dabei ist, dass dann nichts im Strafregister aufscheint, das dem Jugendlichen später, bei der Jobsuche beispielsweise, Schwierigkeiten bereitet.

“Jeder verhinderte Rückfall bedeutet ein Opfer weniger”

Da NEUSTART eine Organisation mit Zwangskontext ist, muss der Jugendliche für drei Jahre mit einem Bewährungshelfer zusammenarbeiten, um einen Rückfall bestmöglich zu verhindern. Dort wird mit der Deliktverarbeitung begonnen, die ungefähr das erste dreiviertel Jahr dauert. Dabei soll der/die Klient*in sein/ihr Verhalten überdenken und ändern. Wichtig ist auch von Beginn an die Beziehungsarbeit, denn wer erzählt schon gerne fremden Personen die tiefen Ursachen seiner Probleme? “Mit den meisten Jugendlichen können wir aber gut arbeiten. Manchmal sind die sie sogar traurig, wenn die Betreuung vorbei ist, denn oftmals hatten sie das erste Mal in ihrem Leben eine Bezugsperson an ihrer Seite“ erzählt Alexander Grohs von seiner Arbeit beim Verein.

Warum werden Jugendliche straffällig? 

Abseits der bereits erwähnten Bagatelldelikte, begehen Jugendliche aus den unterschiedlichsten Gründen Straftaten.  Wie haben die Jugendlichen gelernt ihre Ziele zu erreichen? Mussten sie dafür vielleicht schon immer Faust und Ellenbogen einsetzen? Sind Perspektiven vorhanden? Wie sieht der Freundeskreis aus – werden hier vielleicht illegale Substanzen konsumiert? All das sind unter anderem Gründe einen kriminellen Weg einzuschlagen. Es gibt Faktoren, die das Risiko einer Straffälligkeit erhöhen, aber sie führen nicht zwangsläufig zur Straffälligkeit. Die Gründe muss man sich als Beratungsorganisation bei jedem Klienten individuell ansehen. Somit gibt es nicht diesen einen Grund, weshalb Jugendliche straffällig werden.

“Viele Täter*innen, die zuschlagen, sind oft selber Opfer geworden. Das ist keine Entschuldigung, aber ein guter Ansatzpunkt, denn wenn jemand nachvollziehen kann, wie es dem Opfer geht, kann das eine Wiederholung verhindern. Auch der Zugang zu den eigenen Emotionen fehle vielen. Diese Emotionen werden dann verschüttet, um sich selber zu schützen”, so Grohs.

Jeder Mensch hat für sein eigenes Handeln zu 100 Prozent die Verantwortung.

Circa zwei Drittel der Jugendlichen, die zu Neustart kommen, sagen, dass sie unschuldig sind. Dies ändert aber nichts am Zwangskontext, die Personen müssen zu ihrem Bewährungshelfer kommen, egal ob sie sagen, dass sie unschuldig sind, oder nicht. “Wenn jemand sagt, er sei unschuldig, dann sieht sich die Person oft als nicht verantwortlich. Viele Gewaltäter*innen streiten nicht ab, dass sie zugeschlagen haben, sie sehen sich nur nicht in der Verantwortung, denn sie seien ja beispielsweise provoziert worden”, erklärt Alexander Grohs. Ein kleines Gedankenexperiment: Eine Person provoziert dich, dass du dich vor Rage nicht mehr halten kannst und sie ohrfeigst. Zu wie viel Prozent ist jede Person für den Schlag verantwortlich?

Jede Person hat zu 100 Prozent Verantwortung, die Frage ist aber nur wofür. Du hast die Verantwortung für den Schlag und die andere Person für die Provokation. ABER, eine Provokation rechtfertigt keinen Schlag, denn du hättest damit auch anders damit umgehen können.

“Wir ächten die Tat, aber wir achten den Täter.”

Es gibt keine 100 prozentige Sicherheit vor Rückfällen. Sollte einer passieren, so muss NEUSTART bei Gericht eine Stellungnahme abgeben, ob sie für oder gegen einen Widerruf der bedingten Strafe sind. Dabei muss ein umfassender Bericht geschrieben werden, in dem die Zusammenarbeit mit dem Klienten, die Fortschritte und Risiken beschrieben werden. Weiteres kann NEUSTART eine Empfehlung für den weiteren Verlauf abgeben. Sollte der Jugendliche kaum zu Terminen erscheinen und das Gespräch verweigern, dann hat das im Falle eines Rückfalls negative Auswirkungen auf die Stellungnahme.

Bedingte vs. unbedingte Strafe

Eine bedingte Strafe sieht beispielsweise eine Haft vor, wenn man sich wieder etwas zu Schulden kommen lässt oder die Auflagen nicht einhält. Im Normalfall gilt diese Probezeit für einen Zeitraum von drei Jahren. Wird innerhalb dieser drei Jahre wieder eine Straftat begangen, so muss das Gericht über die neue und auch die alte Strafe entscheiden, denn diese könnte wieder aufgemacht werden.

Eine unbedingte Strafe bedeutet, dass diese zu verbüßen ist.

Wird die Jugend immer brutaler?

Laut Grohs könne man hier keine generelle Stellungnahme abgeben, auffällig sei aber, dass schwere Gewaltdelikte eher weniger werden, aber die Eskalation passiere teils viel schneller. Während früher zuerst mit Schubsen begonnen wurde und erst im späteren Verlauf einer Auseinandersetzung zu drastischeren Maßnahmen gegriffen wurde, würde heutzutage viel schneller eine Waffe gezückt werden.

Das kriminelle Verhalten im Netz steigt aber laut Alexander Grohs eindeutig. Unser Leben verlagert sich immer mehr ins Internet und Cybermobbing sowie Hasspostings sind mittlerweile ziemlich jedem ein Begriff. NEUSTART hat in Zusammenarbeit mit der Justiz ein Interventionsangebot namens “Dialog statt Hass” entwickelt, bei dem mit den Klient*innen über einen Zeitraum von sechs Monaten an deren Social Media Kompetenz gearbeitet wird. Wie äußere ich Kritik und meine Meinung, ohne dabei ein Hassposting zu verfassen, ist ein Bestandteil dieses Programmes.

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